Barrikaden - Der Aufstand von Oaxaca

19. Jul 2009

Sein Sieg, seine Niederlage und darüber hinaus

Collective Reinventions

I

Nach alldem werden wir auf keinen Fall mehr dieselben sein wie zuvor; wir können es nicht und wollen es nicht.
Ein Einwohner von Oaxaca, La batalla por Oaxaca

Die gesamte zweite Hälfte des Jahres 2006 hindurch und bis weit in das Jahr 2007 hinein ist die mexikanische Stadt Oaxaca das Epizentrum eines Aufstandes gewesen, der sowohl dem mexikanischen Staat wie auch dessen lokaler Verkörperung, Gouverneur Ulises Ruiz Ortiz, die Stirn geboten hat. Indem die soziale Bewegung, die in Oaxaca entstand, beiden trotzte, hat sie andere Zusammenhänge der Macht, des Kapitals und der Klassenherrschaft in Mexiko herausgefordert und einen ausgeprägt anti-hierarchischen und allmählich gegen das System gerichteten Zug angenommen. Indem der Aufstand in Oaxaca seinen anfänglichen Brennpunkt ausdehnte und seine ursprünglichen Forderungen erweiterte, hat er auch mit herkömmlichen Vorstellungen aufgeräumt, die quantitative Kriterien, wie zentrale Lage und Bedeutung, in Betracht ziehen: eine Provinzhauptstadt im (nach Chiapas) zweitärmsten Bundesstaat Mexikos, eine als Touristenziel über ihre Grenzen hinaus bekannte Stadt wurde eine Zeit lang zu einem Brennpunkt, dem ein nicht unbeträchtlicher Teil der radikalen Öffentlichkeit weltweit Aufmerksamkeit geschenkt hat.

Obwohl die Bewegung in Oaxaca bestimmte Merkmale mit der Zapatisten-Bewegung im benachbarten Chiapas gemein hatte - insbesondere ihre starke Ausrichtung an den Belangen der indigenen Völker wie die Verteidigung des gemeinschaftlichen Landes und der Tradition - unterschied sie sich doch in anderer Hinsicht erheblich von dem EZLN (Zapatistisches Heer der Nationalen Befreiung). Die Bewegung in Oaxaca entstand in einem städtischen Umfeld, obgleich sie auch Unterstützung aus den ländlichen und vorwiegend indianischen Gemeinden im Hinterland von Oaxaca bekam (deren Belange sie vertrat). Anders als die Zapatisten verfügte sie über kein Heer, sondern nur über eine Masse entschlossener Männer und Frauen, die in brenzligen Situationen von Trupps Jugendlicher unterstützt wurden, die bereit waren, in den Straßen der Stadt gegen die Polizei zu kämpfen.

Entscheidend ist, dass es in Oaxaca keinen charismatischen Führer in Gestalt des redseligen Subcomandante Marcos gab. Dagegen trug man - wie immer wieder in den Verlautbarungen der Bewegung betont wurde - dem Umstand Rechnung, dass es sich um eine Bewegung der "von unten", los de abajo, handelte, d.h. zum einen, dass die Beteiligten hauptsächlich aus der Basis der mexikanischen Gesellschaftspyramide kamen, zum anderen aber auch, dass die Bewegung von ihrer Basis kontrolliert wurde und nicht von denen, die danach trachteten, ihre "Führer" zu werden. Die Rebellion fand ihren organisierten Ausdruck in einer Versammlung und zwar nicht nur in einer einzigen, sondern in mehreren Versammlungen. Sie bezeichnete sich nicht nur als Volksversammlung der Völker Oaxacas (APPO), sie war, zumindest in ihrer ersten Phase, auch eine Bewegung, die sich in einem fast unentwegten Versammlungszustand befand.

Über die Frage nach der Form der Bewegung hinaus - die an eine Tradition der direkten Demokratie erinnert, die der antiautoritären Linken so wichtig ist -, stellt sich natürlich die Frage nach dem Inhalt. Dabei muss behutsam vorgegangen werden. Viele Berichte über die Rebellion von Oaxaca haben zwar ihre Radikalität und innovative Kraft betont, ihren Status als "erster Aufstand des 21. Jahrhunderts", diese Behauptungen wurden aber meist in dem simplen, überschwenglichen Ton vorgebracht, der ein Merkmal des linken Triumphalismus ist.1 Derlei Berichte über die Bewegung lesen sich oft wie ein allegorisches Drama, in dem das edle Volk - das im naiven Liedgut der lateinamerikanischen Militanten "niemals besiegt wird" - beherzt gegen die Verkörperung des Bösen (Ulises Ruiz Ortiz, der mexikanische Staat, der Yankee-Imperialismus) kämpft. Bei der in Oaxaca herrschenden Realität, geprägt durch bittere Armut und brutale, korrupte Behörden, kommt diese Schilderung der Wahrheit recht nahe. Aber sie wird kaum der Komplexität der Rebellion gerecht und bietet nur eine karge Grundlage zur Erörterung ihrer Auswirkungen.

Kritischere aber ebenso grobe Stimmen haben auf die Schwäche, die Widersprüche und Unzulänglichkeiten der Rebellion hingewiesen. Die trockenen Marxisten der Internationalen Kommunistischen Strömung verhängten ihr übliches Verdikt gegen derlei Aufstände: nicht "proletarisch" genug. Anarchistische Aufständische aus Mexiko-Stadt prangerten einen Aufstand an, der nicht über Nacht den Staat und den Kapitalismus abgeschafft hatte. In solchen Analysen steckt wiederum ein Körnchen Wahrheit: Die Rebellion von Oaxaca konnte als eine Art radikaler Populismus gesehen werden, von Anfang an waren Bürokraten in der APPO zugange. Doch die gesamte Rebellion auf diese Weise abzutun, zeigt nur, wohin Dogmatismus führen kann: Man sägt den Zweig ab (oder demontiert den Sockel), auf dem man sitzt. Zwar braucht man die Bewegung in Oaxaca nicht unkritisch zu billigen und damit zu einem weiteren linken cheerleader werden, aber eine Einstellung, die sich in überlegener Geringschätzung oder maximalistischer Anprangerung ergeht, ist ebensowenig hilfreich. Es sei denn, man will die ganze Bedeutung der Rebellion verkennen.2

Dies vorweg, muss dennoch zugestanden werden, dass so manchem Journalisten auf dem Höhepunkt des Aufstandes, als der Schein der Brände in Oaxaca auf der ganzen Welt als Leuchtfeuer der Hoffnung wahrgenommen wurden, bestimmte Ungereimtheiten aufgefallen sind. Denn die Bewegung hat zwar international bei allen, die sich gegen den Status Quo sträuben, Anklang gefunden, doch innerhalb Mexikos selbst kein großes Echo und kein Nachspiel in Form von Massenaktionen oder vergleichbaren Rebellionen. Obgleich die Vorgänge in Oaxaca in den mexikanischen Medien ausführlich dargestellt worden sind, ist es dennoch zu keinem landesweiten Generalstreik zur Unterstützung derer gekommen, die im November 2006 von der repressiven Staatsmacht zermalmt wurden. Der Ausbruch von ein, zwei, vielen Oaxacas ist in Mexiko ausgeblieben.

Wo der Situationist Raoul Vaneigem eine "Kommune von Oaxaca" gesehen hat (siehe Heft 213 der AKTION) - und damit hat er nur eine Redewendung bestätigt, die andere vor ihm gebraucht haben -, sah eine große Anzahl von Mexikanern etwas anderes. Zu Recht oder Unrecht haben sie in Oaxaca ein oder gleich mehrere andere Dinge gesehen: nämlich einen berufsständischen, selbstbezogenen Streik von Lehrern, eine die indigenen Völker von Oaxaca und nicht das restliche Mexiko angehende Rebellion und somit eine ausschließlich lokale Angelegenheit, über die die Bewohner von Oaxaca selbst zu befinden hatten. Wenngleich der verzerrende Einfluss der Medien nicht in Abrede gestellt werden kann, so erklärt er doch nicht alles. Klar ist, dass sich irgendetwas an der Bewegung in Oaxaca oder in der gegenwärtigen mexikanischen Realität dagegen gesperrt hat, dass weitere derartige Bewegungen hervorgerufen wurden. Das zu verstehen, ist wahrscheinlich die größte analytische Herausforderung, die sich allen stellt, die sich mit der Bewegung identifizieren.

II

Um so weit zu kommen, dass die obigen Fragen beantwortet werden können, sollte man allerdings von der Idee Abstand nehmen, jemand könne Oaxaca "erklären", als würde es eine einzige Erklärung (oder eine Reihe von Erklärungen) geben, die angeführt werden kann, oder als würden die Leute auf den Straßen von Oaxaca (oder auch sonst wo) auf irgendeinen gönnerhaften Akt kritischer Interpretation warten, der dem Bedeutung verleiht, was sie bereits selbst bedeutend gemacht haben.

Es ist also angebracht, sich etwas zurückzunehmen und zu akzeptieren, erneut darüber erstaunt zu sein, was sich in Oaxaca zugetragen hat - und noch zuträgt. Wenn soviel Aufhebens um die Rebellion in Oaxaca gemacht wurde, dann in erster Linie wegen all des Aufhebens in Oaxaca selbst. Ab dem Juni 2006 und praktisch ununterbrochen die nächsten sechs Monate hindurch haben die so genannten gewöhnlichen Leute von Oaxaca ungewöhnliche Dinge vollbracht.

In einer Zeit, in der Umweltprobleme scheinbar alle anderen verdrängen (ihre fundamentale Bedeutung soll gar nicht bestritten werden), lohnt es, daran zu erinnern, dass es auch eine menschliche Umwelt und eine soziale Welt gibt. Was in Oaxaca stattfand, war ein Wandel der Umwelt, und zwar einer, der mit einem Minimum an Mitteln und einem Maximum an Initiative und Kreativität bewerkstelligt wurde. Er ging sogar so weit, beim Bau der Barrikaden von Oaxaca einen völlig neuen Recycling-Plan anzuwenden: jede Menge Schrott, auch komplette Autos wurden einem neuen Gebrauch zugeführt. An den frisch mit Graffiti bemalten Wänden und Mauern der Stadt prangten kritische Slogans und mit Schablonen gefertigte Bilder. Nicht alles davon hatte den Rang der Poesie - tatsächlich blieb das meiste auf der Ebene bloßer Schlagworte, erzielte aber die Wirkung, einer Welt, die Oaxaca bislang nur als idyllischen und malerischen Marktflecken wahrgenommen hat, in Erinnerung zu rufen, dass an diesem Ort tatsächlich etwas geschah, dass die Identität der Stadt auf ihrem eigenen Boden kämpfend in Frage gestellt und ihr Aussehen neu gestaltet wurde.

Viele hat dieser Ausbruch des Wunderbaren in Oaxaca überrascht. Da es an einer ernsthaften Untersuchung vor Ort oder einem umfassenden Versuch, die Rebellen von Oaxaca ihre Geschichte selbst erzählen zu lassen, mangelte, ist auf verschiedene Fertiganalysen zurückgegriffen worden, ohne sich groß darum zu kümmern, ob sie mit der Situation, die sie zu beschreiben vorgaben, im Einklang standen. Nicht nur die kommerzielle Presse (corporate media) ergeht sich in oberflächlicher Berichterstattung: mancher Beitrag bei indymedia, obwohl durchaus nicht von kommerziellen Erwägungen geleitet, stieß ins selbe Horn. Ungeachtet des so genannten "Informationszeitalters" existieren noch kulturelle und Sprachbarrieren, die verhindern, dass ein Ereignis wie in Oaxaca in seiner vollen Bedeutung in Worte gefasst werden kann, nicht einmal in Worte der spanischen Sprache.

Viele linke Anhänger der Bewegung von Oaxaca haben eine eilfertige und leichte Lösung für das Rätsel ihrer Entstehung parat: demnach liegt alles an den verheerenden Auswirkungen des "Neoliberalismus". Der Aufstand von Oaxaca wird zudem - wie in einem Paradebeispiel für die stark vereinfachte Verkettung von "Ursache" und Wirkung - als Antwort auf und Revolte gegen den Einfluss von NAFTA und die Vereinbarung von Washington charakterisiert: die Kette aufgezwungener Handelsverträge und finanzpolitischer Maßnahmen, die das Arsenal des Neoliberalismus bilden, der nichts weiter ist als nur ein aktueller Name für laissez-faire und monetaristische Wirtschaftspolitik (der Chicagoer Schule, die beispielsweise in Chile und Argentinien Verwüstungen angerichtet hat).

Selbstverständlich bedeutet das nicht, dass ein Argument, nur weil es stark vereinfacht - wie dasjenige, das die Notwendigkeit für die USA, die Öllieferung zu kontrollieren, als den Hauptgrund ihrer Invasion im Irak ansieht - ganz falsch ist. Die Frage ist, ob der Neoliberalismus überhaupt den casus belli für den sozialen Krieg in Oaxaca darstellt oder das vorrangige Angriffsziel derer gewesen ist, die ihren Protest dort auf die Straße getragen haben.

Bestimmt können die durch den Neoliberalismus angerichteten Schäden beziffert werden, und das wurde auch getan. In den vergangenen zwanzig Jahren geriet Mexiko in den Sog eines globalisierenden Hyperkapitalismus mit umwälzender und zerstörerischer Macht; NAFTA ist davon nur ein relativ bescheidener Ausdruck gewesen.3 Bevor NAFTA in Kraft trat, hatte der texanische Milliardär und Populist Ross Perot vor dem "gewaltigen Sauggeräusch" gewarnt, das man vernehmen werde, wenn die nordamerikanische Fabrikarbeit über die Grenze nach Süden abwandern würde. Es hat ihn nicht gekümmert, und er wusste es auch nicht besser, dass sich die auf NAFTA folgende Horrorshow, mit der er amerikanische Wähler schrecken wollte, sich hinsichtlich Mexikos viel komplizierter gestalten sollte.

Die Wirtschaft der USA ist zwar von einem Sog unterminiert worden, der aber - abgesehen von der maquiladora-Zone (Montagezone in Mexiko für den Rückexport in die USA, in der vorwiegend Einzelteile, die nicht aus Mexiko stammen, verarbeitet werden) entlang der Grenze zwischen den USA und Mexiko - keine wesentliche Zahl von Industrie- oder Postindustrie-Jobs nach Mexiko gespült hat. Und da es dabei tatsächlich um die Belange eines Weltmarktes gegangen ist und das Bestreben, den billigsten Preis für Lohnarbeit zu finden, ist Mexiko für das transnationale Kapital von nur vorübergehendem Interesse gewesen. Als sein Exportsektor durch Produkte aus Gegenden unterboten wurde, in denen die Kosten für die Arbeitskraft noch niedriger waren, verlor Mexiko bald Arbeitsplätze an China und sonst wohin. Investitionen in den schmalen mexikanischen Elektroniksektor haben eine vergleichsweise geringe Zahl von Arbeitsplätzen in der Montage und Fertigung von Hochtechnologie nach sich gezogen, und diese ballten sich rund um Jalisco und Mexiko-Stadt und in der besagten maquiladora-Zone. Was die Informationstechnologie anbelangt, so hat sich eine "Wirtschaftsenklave" gebildet und kein wie auch immer gearteter Gesamtaufschwung der mexikanischen Wirtschaft ergeben. (Zur Vertiefung des Themas s. Kevin P. Gallagher und Lyuba Zarsky; The Enclave Economy: Foreign Investment and Sustainable Development in Mexiko's Silicon Valley , Cambridge, Mass., 2007)

Ferner ist mit der Verwirklichung des NAFTA-Vertrags keineswegs die magnetische Anziehungskraft der Vereinigten Staaten geschwunden, die seit Jahrzehnten inoffiziell billige Arbeitskraft für ihren Landwirtschafts- und Dienstleistungssektor importieren. Eine erkleckliche Anzahl von Arbeitern aus Oaxaca ist weiterhin nach Norden ausgewandert, und ihre Überweisungen sind zu einer Haupteinnahmequelle für die Wirtschaft in Oaxaca geworden.

Allerdings betrifft diese allgemeine Thematik nur zum Teil die Entwicklung in Oaxaca. Falls NAFTA und die durch die neoliberale Politik verursachten Veränderungen oppositionelle Strömungen in ganz Mexiko, einschließlich Oaxacas, geformt und deren Kritik des fremden Kapitals und der Globalisierung generell verschärft haben (eine Kritik des einheimischen mexikanischen Kapitals steht auf einem anderen Blatt4, so haben sie dennoch die soziale Krise, die in Oaxaca zum Aufstand geführt hat, nicht allein bewirkt.

Diese soziale Krise ist, was Oaxaca betrifft, NAFTA vorausgegangen, und selbst in der Gegenwart sind andere Faktoren am Werk. Der Plan Puebla-Panama beispielsweise, der Infrastrukturmaßnahmen zur leichteren Beförderung von Waren und Rohstoffen vorsieht, ist von den Protestierenden in Oaxaca attackiert worden, die ihn als Instrument zur weiteren Integration ihrer Region in ein vom nordamerikanischen Kapitalismus beherrschtes Gebiet sehen. Das kann zwar am Ende tatsächlich dabei herauskommen, der Plan Puebla-Panama geht jedoch größtenteils auf eine Initiative des mexikanischen Staates zurück, der damit in Übereinstimmung mit anderen Ländern in der Region gehandelt hat. Der Plan mag letztlich den Interessen des ausländischen Kapitals dienen, hat aber auch eine südmexikanische und mittelamerikanische Dimension.

Obwohl der Aufstand von Oaxaca selbstverständlich in einem größeren Zusammenhang steht, wurde sein unmittelbares Ausmaß weniger durch den Neoliberalismus im allgemeinen, als durch einzelne regionale Merkmale sozialer Schichtung, Kultur und Geschichte bestimmt, einschließlich der Tradition des organisierten Protests im Staat Oaxaca. Das bedeutet auch, dass die Bewegung eben wegen ihrer lokalen Färbung und ihrer Einmaligkeit ein tief verankertes Phänomen gewesen ist, das nicht leicht unterdrückt, beseitigt oder tatsächlich irgendwo anders nachgeahmt werden konnte.

Ferner ist der Aufstand durch die Machtstruktur bestimmt worden, der er sich widersetzt hat, die wiederum spezifische Merkmale aufwies, die nicht unbedingt im sonstigen Mexiko vorkommen. Im Bundesstaat Oaxaca waren die Saurier des PRI (der Partido Revolucionario Institucional ist die politische Partei, die ihre Herrschaft auf nationaler Ebene mittels Klientelismus, Repression und Schaffung eines großen öffentlichen Sektors verewigt hat) noch an der Macht und pflegten durch ihre lokalen Stellvertreter, die caciques (politische Bosse), weiterhin ihre jahrzehntelange Tradition der Korruption und Brutalität. Lange Zeit ist die Macht in Oaxaca mit blanker Waffengewalt, die an eine Art institutionalisierte Bestechung gekoppelt war, durchgesetzt worden: Es sind Subventionen an verschiedene Organisationen geflossen, darunter auch an solche, die eine potentielle Bedrohung für die soziale Ordnung dargestellt haben. Unter dem Vorgänger von Ulises Ruiz Ortiz, José Murat, gingen diese Subventionen auch an indigene Gruppen; darunter an einige Organisationen, die lauthals ihre magonistische Radikalität verkündeten, so die CIPO-RFM (Indigener Volksrat von Oaxaca - Ricardo Flores Magon).5 Die Rücknahme solcher Subventionen durch Ulises Ruiz Ortiz kann durchaus der erste von vielen Fehltritten gewesen sein, die er sich im Umgang mit der Opposition gegen seine Herrschaft geleistet hat. Seine Entscheidung, die Polizei auf ein Zeltlager von Lehrern zu hetzen, die sich wie jedes Jahr in ihrem gewohnten Streik für bessere Bezahlung und Verbesserungen im Schulsystem befanden, war der Funke, der die Rebellion entfacht und in Oaxaca eine breitere und mutigere soziale Bewegung auf die Straße gebracht hat. Was im Juni 2006, nachdem sich die Tränengasschwaden verzogen hatten, daraus hervorging, war die APPO, die Volksversammlung der Völker Oaxacas. Ihr Entstehen - ein klassisches Beispiel kollektiver Schöpfung ohne individuelle Urheber oder Rädelsführer - war Zeichen und direkter Ausdruck eines Kampfes, der weiter und tiefer ging. Das Wort "Versammlung" in ihrem Namen bezieht sich auf die vermeintliche Souveränität ihrer Basis und bedeutete theoretisch, dass die Bewegung nicht mehr von der Lehrergewerkschaft und deren Bürokratie beaufsichtigt wurde.

III

Rückblickend gleicht der Verlauf der Rebellion in Oaxaca der Flugbahn jener Feuerwerkskörper, die von der Bewegung als improvisierte Waffen eingesetzt wurden. Anfangs schwelte es, dann kam ein rascher Aufstieg und eine Explosion, die am Boden verstreut brennende und glimmende Teile hinterließ. Beim Versuch herauszufinden, wo die hellsten Funken sprühten, ist es erforderlich, die Schlüsselmomente der Bewegung zu rekapitulieren. Die Interpretation des Aufstiegs und Niedergangs der Bewegung erfordert ferner eine eingehende Prüfung ihrer verschiedenen Bestandteile.

Von Anfang an ist die APPO eine problematische Vereinigung gewesen. Indem sie den kleinsten gemeinsamen Nenner betont hat, stellte sich bald heraus, dass die APPO für jedermann alles Mögliche bedeuten konnte, von der bürokratischen Hausmacht bis zur sozialen Bewegung. Für die Antiautoritären war sie ein Beispiel direkter Demokratie. Für die Stalinisten von der FPR (Revolutionäre Volksfront), einer von der Kommunistischen Partei Mexikos (Marxisten-Leninisten) kontrollierten Organisation, deren Beauftragte aggressiv vorgingen, um sich in Führungspositionen festzusetzen und sich selbst dazu ermächtigten, im Namen der APPO zu sprechen, stellte sie eine günstige Gelegenheit dar, ihren Einfluss auszuweiten. Andere politische Gruppen, wie die NIOAX (die Neue Linke von Oaxaca, worin der político Flavio Sosa - der erste politische Gefangene der Bewegung in Oaxaca - seinen vorerst letzten Platz gefunden hat), sahen in ihr einen Raum, der es ihnen ermöglichte, auf eine konventionellere Weise politisch voranzukommen. Laut denen, die später solch opportunistische Manipulationen kritisierten, wurde die APPO als "Trampolin" angesehen: ihre Kraft konnte als Hebel benutzt werden, um andere Ziele zu erreichen, beispielsweise um sich einen Wahlposten zu verschaffen oder das Programm einer marxistisch-leninistischen Partei zu fördern oder beides zugleich. Tatsächlich ist die viel gerühmte "Autonomie" der APPO-Basis öfter verletzt als tatsächlich befolgt worden, zumindest innerhalb der Versammlung selbst.

Wie bereits erwähnt, ist die Rebellion in Oaxaca nicht ex nihilo ausgebrochen oder einfach nur als spontane Antwort auf wirtschaftliche und politische Umstände. Im Bundesstaat Oaxaca gibt es eine lange Geschichte des Widerstands gegen den Status Quo, wobei die Taktik des plantón (Protestmahnwache) wiederholt zur Anwendung kam; tatsächlich ist sie Teil des allgemeinen Repertoires sozialen Protestes in Mexiko. Zwei Jahrzehnte lang hat die Sektion 22 der Lehrergewerkschaft ihre Kampfkraft unter Beweis gestellt, und ihre Forderungen sind oftmals über rein wirtschaftliche Kategorien hinausgegangen: unter anderem hat die Forderung nach einer besseren Ausbildung für indigene Menschen einen herausragenden Platz in ihrem Katalog eingenommen. Dem Kampf der Lehrer war jedoch eine deutliche Grenze gesetzt. Obwohl sie oftmals als selbstlose Fürsprecher der indigenen Bevölkerung von Oaxaca dargestellt wurden - und an diesem idealisierten Bild ist durchaus etwas Wahres dran -, haben sie mit ihrem Kampf doch auch ihr ungeschminktes Eigeninteresse vertreten.

Es kam beispielsweise nicht von ungefähr, dass die Führung der Lehrergewerkschaft unmittelbar vor dem Eingreifen der Bundespolizei im Oktober 2006 bereit war, einen Handel abzuschließen und den Rest der APPO im Stich zu lassen. Dieser Verrat wurde zwar von der restlichen Bewegung in Oaxaca angeprangert, darunter von der Basis der Lehrergewerkschaft selbst, aber man darf sich das nicht so eindeutig vorstellen, als hätte es eine klare Trennung zwischen den Gewerkschaftsbürokraten auf der einen und der radikalen Basis auf der anderen Seite gegeben. Innerhalb der Lehrergewerkschaft und im Gegensatz zu ihrer eher am mainstream orientierten Führung verfügten die Stalinisten von der FPR über eine beträchtliche Gefolgschaft. Sie war der organisatorische Ansatz, der es ihnen ermöglicht hat, einen großen Teil der APPO zu unterwerfen, ihre Aktivisten in Schlüsselpositionen zu bringen und den Versuch zu unternehmen, die antiautoritäre Strömung innerhalb der Gesamtbewegung einzuschränken und abzuwürgen. Es überrascht vielleicht nicht, dass sich radikale Lehrer in Oaxaca, genauso wie ihre Kollegen in vielen anderen Ländern, selbst als Überbringer sehen, die den unaufgeklärten Massen zum Bewusstsein verhelfen, und dass sie sich dabei als ehrgeizige Marxisten entpuppen.

Doch bevor dieses Drama ein trauriges Ende nahm, ist noch eine Menge in Oaxaca geschehen, was den Initiativen der Basis zu verdanken war und der strikten Kontrolle ihrer bürokratischen "Vertreter" großteils entgangen ist. Das Geschehen ließ nämlich eine neue Struktur der sozialen Macht in Oaxaca hervortreten, aber nicht in dem klassischen Sinne der "Doppelmacht", die von revolutionären Theoretikern des 20. Jahrhunderts so oft diskutiert worden ist. In Oaxaca ist diese Umgestaltung eher implizit als explizit gewesen, eher "nomadisch" und beweglich als verdinglicht. Linke Kritiker weisen zwar auf dieses relative Versäumnis hin, übersehen aber dabei das Faktum, dass in den Augen von Marx die Pariser Kommune deshalb Wert hatte, weil ihre "große soziale Maßregel" "ihr eigenes arbeitendes Dasein" war.

Bislang ist immer noch unklar, was innerhalb der APPO ablief und wie sich ihre Sitzungen gestalteten. Wir wissen, dass es zahlreiche Tagungen gab und verschiedene Kommissionen gewählt wurden, die bestimmte Aufgaben erfüllen sollten. In dieser Hinsicht scheint es ein innerhalb der APPO wirksames Mandatsprinzip gegeben zu haben. Doch die Tatsache, dass verschiedene Sprecher (und es ist zum wiederholten Mal erwähnenswert, dass diese zumeist Stalinisten waren) weiterhin, ohne sich nur irgendwie gegenüber der Basis zu verantworten, im Namen der Bewegung sprachen, stellt das in Frage. Die Tatsache, dass die Versammlung, zumindest in den ersten paar Monaten, darauf bestand, auf der Basis des Konsensprinzips zu funktionieren, ist zwar ebenfalls interessant, aber nicht minder problematisch. Striktes Festhalten am Konsens schien ipso facto eher gegen das Vermögen einer radikalen Minderheit, ihre Standpunkte in der Versammlung zu vertreten, zu sprechen. Antiautoritäre innerhalb der Bewegung sollten später die Schranken eines solchen Prinzips und eines illusorischen Konsenses entdecken, der die skrupellosen Führer der FPR keineswegs bekümmert hat. Gegenwärtig verfügen wir über keine Abschriften, um zu sehen, ob die Beratungen der in der Versammlung tagenden APPO-Basis tatsächlich den Debatten des Petrograder Sowjets oder den Versammlungen revolutionärer Arbeiter in Barcelona 1936-1937 geglichen haben. Was die Verwendung des Begriffes "Kommune von Oaxaca" betrifft, so kann diese derzeit bestenfalls als Ziel verstanden werden, nach dem die Bewegung gestrebt hat, und schlimmstenfalls als bloßer Wunschgedanke.

Klar ist jedoch, dass im Zeitraum von Oktober bis November 2006 der Höchststand der Rebellion von Oaxaca erreicht war sowie das im strategischen Sinn entscheidende Stadium. Mit dem am 29. Oktober 2006 erfolgten Eindringen der Bundespolizei in die Stadt war die Bewegung mit der Streitmacht des mexikanischen Staates konfrontiert und nicht mehr nur mit der Polizei und den angeheuerten Schlägern (porros) des Gouverneurs. Nach diesem Eingriff hat sich die Rebellion zum ersten Mal in der Defensive befunden, da sie von ihrer zentralen Stellung auf und rings um den zócalo (der Hauptplatz der Stadt) herum vertrieben wurde und unter dem Druck der Aufstandsbekämpfungseinheiten der Polizei und dem aus Hubschraubern und am Boden abgefeuerten Tränengas in Richtung Universität zurückweichen musste.

Als am 2. November 2006 die Polizei dann in Richtung Universität vorrückte, um die noch verbliebene Radiostation der Bewegung zum Schweigen zu bringen, die unverzichtbare Dienste für die Koordination des Widerstandes gegen die Polizei geleistet hatte, verteidigten sich die Aufständischen, indem sie sich der bereits in der Stadt errichteten Barrikaden bedienten. Entschlossene Straßenkämpfer vereitelten erfolgreich den Vormarsch der Polizei zur Universität, und eine Zeit lang sah es danach aus, als hätte die Bewegung die Initiative zurückgewonnen. Doch nach dem auf der Straße errungenen Sieg versuchten die Protestierenden, am 25. November 2006 den zócalo zurückzuerobern, und sind dabei den Behörden, die ihre eigene gewalttätige Gegenoffensive starteten, in eine meisterlich aufgestellte Falle gegangen. Das Resultat war eine Menge verletzter Demonstranten, Morde, die von den porros begangen wurden, die Verhaftung von Aktivisten und eine allgemeine strategische Lage, in der die Bewegung gezwungen war, in den Untergrund zu gehen und buchstäblich die Flucht ergreifen musste.

Als im Frühjahr 2007 die Rebellion von Oaxaca wieder ihr Haupt erhob, war die Bewegung nicht mehr dieselbe wie zuvor. Die Bewegung sah sich einer Art Polizeistaat auf lokaler Ebene gegenüber, während sich ihre eigenen Widersprüche verschärft und zum Bruch geführt hatten. Schon am 25. November 2006, einem kritischen Punkt der Auseinandersetzungen mit der Polizei, hatte die selbsternannte Führung der APPO vergeblich versucht, die Cinco-Señores-Barrikade zu räumen, wobei sie von deren Verteidigern nieder gebrüllt wurde, die sich geweigert haben, sie zu verlassen. Eine allgemeine Spaltung zwischen den Stalinisten, dem offiziellen Gesicht der APPO, und den antiautoritären Strömungen an ihrer Basis vertiefte sich und trat im Frühjahr 2007 offen zu Tage.

IV

Anfang September 2006, als überall in der Stadt Oaxaca Barrikaden entstanden sind, war offensichtlich, dass sich etwas noch nie Dagewesenes ereignete: Die Stadt war in ein Laboratorium verwandelt worden. Niemals zuvor sind in der gegenwärtigen Geschichte des Landes und seiner Städte Barrikaden in einem derartigen Umfang errichtet worden (und ebenso wenig hat es jemals zuvor in einem städtischen Umfeld in Mexiko eine solche Fülle spontanen Schaffens gegeben), was auch stillschweigend beinhaltet, dass niemals zuvor die Bevölkerung einer Stadt die Kontrolle über ein dermaßen ausgedehntes Stadtgebiet übernommen hat.
Hector Ballesteros Einführung zu Puntos B: Cartografias de una ciudad en crisis: Oaxaca 2006, interaktive DVD, 2007

Politische Ereignisse können sowohl auf einer Makro- als auch auf einer Mikroebene beschrieben werden; ebenso kann auch der Aufstand von Oaxaca als die Schaffung eines alternativen sozialen Raums innerhalb der Stadt Oaxaca verstanden werden. Dieser Raum ist durch Besetzungen und den Bau von Barrikaden geschaffen worden sowie auf riesigen Straßenprotesten, den meist zu Recht, aber nicht immer zutreffend so genannten "Megamärschen", die von der Bewegung über den Zeitraum etlicher Monate durchgeführt worden sind. Darin hat sich die Bewegung ebenso Ausdruck verschafft wie auf irgendeiner Tagung der APPO, und wie dies bei so vielen vergleichbaren Bewegungen der Fall gewesen ist, war die freie und kreative Äußerung eines ihrer Hauptmerkmale. Die Bewegung selbst war eine Art strömender Fluss aus Worten, Bildern und Taten. Diese haben ihre Spuren auf den Wänden der Stadt hinterlassen, an den Straßenkreuzungen und in den Köpfen der Einwohner. Als die Polizei das Zentrum von Oaxaca wieder in Besitz nahm, bestand die erste Maßnahme der Behörden darin, das Übermalen aller Graffitis anzuordnen, was dazu geführt hat, dass farblich unterschiedlich abgesetzte Muster die Parolen und Schablonenbilder der Bewegung ersetzten. Diese abstrakte Polizei"kunst" war zwar gedacht, alle Spuren der Bewegung zu tilgen, stellte aber den Sprayern nur eine frische Malfläche zur Verfügung.

Wie Hector Ballesteros in seiner Bemerkung über das "Laboratorium" angedeutet hat, machte sich die Rebellion die Anordnung der Stadt in einer experimentellen Weise zunutze. Bei allen Unzulänglichkeiten hinsichtlich politischer Klarheit oder der Fähigkeit, den Kampf zu generalisieren, haben die Aufständischen von Oaxaca eine bemerkenswerte Ausdauer und zugleich ein beträchtliches Talent zu Improvisation und Innovation bewiesen.

Einer der Mythen, die sich um die Bewegung gebildet haben und der unbedingt aufgelöst werden muss, selbst auf die Gefahr hin, viele ihrer Anhänger zu verärgern, besagt, dass die Rebellion völlig oder zumindest dem Wesen nach gewaltfrei gewesen sei. Wenngleich es danach aussieht, als habe die Bewegung kollektiv die Entscheidung getroffen, die eigene Gewalt nicht zu eskalieren und die besetzten Orte in Selbstverteidigung zu halten, ist der Kampf dennoch im pazifistischen Sinne kein friedlicher gewesen. Sein Charakter war hybrid: etwas mehr als eine Bewegung, die zivilen Ungehorsam praktiziert, und etwas weniger als ein städtischer Guerillakrieg, hatte er von beidem etwas.

Unter Militärtheoretikern ist der Begriff "asymmetrische Kriegsführung" ein Modewort, ein Euphemismus für einen Kampf, in dem beide Seiten ungleich sind oder über unterschiedliche Kampffertigkeiten verfügen. Solchen Analytikern mag schließlich die Bewegung in Oaxaca als ein Paradebeispiel dienen. Bemerkenswert für die Kreativität der Rebellion ist, wie die an ihr Beteiligten der Wortverbindung "Rauch und Spiegel" (im Englischen gebräuchliche Metapher für Zaubertricks oder Verschleierungstaktik u. dgl.) eine neue und positive Bedeutung verliehen haben. In kritischen Momenten des Kampfes mit der Polizei feuerten Trupps von bazuqueros (benannt nach den Plastikhülsen, die sie benutzten, um daraus Feuerwerkskörper abzuschießen) Raketen auf die Polizeiketten ab und glichen damit die Wirkung von Tränengassalven, die sich gegen die Protestierenden richteten, teilweise aus. Es wurden auch Busse in Brand gesteckt und auf die Polizeiketten zugeschoben: Man bezeichnete sie als kamikazes (immerhin hat die Rebellion dem Lexikon des sozialen Protests ein paar neue Worte hinzugefügt).

Spiegel werden benutzt, um Licht zu reflektieren, und auch, um Dinge in einem anderen Licht erscheinen zu lassen. Als ein Polizeihubschrauber am 1. November 2006 über einer Demonstrantenmenge kreiste, wurden von den Menschen am Boden hunderte von Taschenspiegeln benutzt, um den Piloten zu verwirren und ihm die Orientierung zu erschweren. Immerhin zeigte das den mexikanischen Streitkräften, dass sie es mit einer Bewegung zu tun hatten, die sich nicht so leicht einschüchtern ließ. Nachdem Berichte von Vergewaltigungen und anderen Formen der Polizeigewalt gegenüber verhafteten Frauen bekannt wurden, haben Protestierende der Bundespolizei große Spiegel entgegengehalten, worin die Polizisten ihre Gesichter mit dem eingeblendeten Satz sehen konnten: "Ich bin ein Vergewaltiger."

Einer der bemerkenswertesten Aspekte der Rebellion von Oaxaca, wodurch sie sich vielleicht im Nachhinein von anderen abheben wird, lag in dem Ausmaß, in dem Frauen beteiligt gewesen sind, ihren eigenen Raum innerhalb der Bewegung geschaffen und wichtige Eigeninitiativen gestartet haben. Damit haben sie den in der mexikanischen Gesellschaft herrschenden machismo im Allgemeinen sowie die patriarchalischen Traditionen der indigenen Kultur im Bundesstaat Oaxaca im Besonderen herausgefordert. Auf den gut ausgestatteten Universitäten Nordamerikas und Europas ist die radikale Neudefinition der Geschlechterrolle ein viel diskutiertes Thema. In Oaxaca hat ein solcher Wandel hingegen eine wirklichkeitsnähere und grundlegendere Bedeutung: Über die Beziehungen zwischen Männern und Frauen und generell zwischen verschiedenen Kategorien von Menschen wird im Alltag und im Zusammenhang einer radikalen sozialen Bewegung jeweils neu verhandelt.

Es sind Frauen gewesen, die in einer der bemerkenswertesten Episoden des Aufstandes die Führung übernommen haben: nämlich bei der Übernahme eines lokalen Fernsehsenders, der seine Ausstrahlungen als Sender der Bewegung fortsetzte, wobei die Besetzerinnen neue Programme gestaltet, Interviews geführt und innerhalb der Stadt die Gewichtung der Medienmacht radikal verändert haben. Zwar sind diese Sendungen nicht alle frei von Dogmatismus und Wiederholungen gewesen, aber zumindest in einigen davon war mitunter ein rebellischer, alternativer Geist zu spüren.

Auch Jugendliche haben in sämtlichen Phasen des Aufstandes eine größere Rolle gespielt, indem sie Schwung in den Straßenkampf brachten und auch bei der Schaffung alternativer Medien die Initiative ergriffen, die als taktische Nachrichtenquelle (etwa über Polizeibewegungen) und für die Übermittlung der Vorstellungen der Bewegung an die umgebende Bevölkerung eine lebenswichtige Rolle gespielt haben. Diese Medien umfassten die von der Bewegung benutzten Radiostationen, Publikationen wie Barrikada und verschiedene workshops, die dem sozialen Protest in Oaxaca Perspektiven und Redewendungen beschert haben. Dabei haben sich die jüngeren Aktivisten niemals als Protagonisten einer bloßen "Jugendrevolte" verstanden.

Im Verhalten der Rebellion zu ihren allerjüngsten Teilnehmern hat es allerdings einen weit weniger progressiv anmutenden Aspekt gegeben, nämlich den eigenartigen und vielleicht kulturell eigentümlichen Gebrauch der Kinder als Maskottchen, die Erwachsene nachahmten, bühnenreife Auftritte als Redner vor viel älterem Publikum absolvierten und dabei Worte in den Mund nahmen, die sie sicherlich nicht selbst geschrieben, geschweige denn ganz verstanden haben konnten. Vergleichbare Auftritte von in dieser Weise abgerichteten Kindern wurden auch in den Programmen besetzter Fernsehanstalten und Radiosender ausgestrahlt. Was einem Publikum in Oaxaca niedlich vorkommen mag, ist einem Außenstehenden bloß als gestellt und abgeschmackt aufgestoßen, wie gut gemeint die Absichten auch gewesen sein mögen. Dokumentarfilme, die von USA und mexikanischen independent media-Aktivisten gemacht worden sind, haben solche Szenen kommentarlos übernommen und damit eine paternalistische Nachsicht gezeigt, die auf ironische Weise und zweifellos unbeabsichtigt, verflossene Klischeevorstellungen über indigene Menschen als "Naturkinder" bedient.

Hinsichtlich der in der Bewegung vertretenen sozioökonomischen Schichten ist der Rolle der Lehrer selbstverständlich große Aufmerksamkeit zuteil geworden, zumindest anfangs, sowie der Rolle, die ganz allgemein die arbeitende Bevölkerung in Oaxaca zusammen mit den Bewohnern der Armenviertel gespielt hat. In der Vielschichtigkeit der Bewegung haben Marxisten ihre Achillesferse gesehen: Im engen Sinn ist sie kein Phänomen einer "echten Arbeiterklasse" gewesen. Das mag tatsächlich der Grund dafür sein, dass die Bewegung keine spürbare Unterstützung im übrigen Mexiko erfahren hat, während auf die jüngsten Streiks aktiv von anderen Arbeitern reagiert worden ist. Aber die Klassenfrage muss in einer Zeit, in der so viele feste soziale Kategorien aufgelöst und neu zusammengesetzt werden, ohnehin neu gestellt werden, besonders da das viel gepriesene "moderne Proletariat", das den Situationisten und anderen so am Herzen gelegen ist, seine Verabredung mit der Geschichte noch vor sich hat. Es besteht allerdings kein Zweifel daran, dass eine soziologische Bestandsaufnahme der Bewegung von Oaxaca bestimmte Merkmale enthüllen wird, die woanders, weder im übrigen Mexiko noch in anderen Ländern, nicht vorhanden sind.

Wo kommt denn dieser Klang her?
Das ist der Klang der Barrikade ...
"Der Klang der Barrikade", Rebellionslied aus Oaxaca

Eine Sorte Mitwirkender, die zwar von mexikanischen Beobachtern, aber von wenigen Außenstehenden diskutiert wurde, ist die chavos banda, ein schwer zu übersetzender Begriff, der in etwa "Straßenrüpel" oder Strolche bedeutet (ein französisches Äquivalent wäre vielleicht blousons noirs, ein deutsches Rocker). Diese Gruppe hat beim Aufstand eine aktive Rolle gespielt, namentlich auf den Barrikaden und beim Kampf mit der Polizei, und sich so auffallend hervorgetan, dass sie in der Polemik anderer aufgetaucht ist. Das ist nicht überraschend, denn da sie Angehörige des "Lumpen-Proletariats" sind (man sollte bedenken, wie abfällig und subjektiv dieser Begriff ist, noch ein weiterer aus dem ziemlich fragwürdigen theoretischen Vermächtnis von Marx), wurden sie von den Stalinisten der FPR, den Lehrern und den Kleinbürgern mit einem im allgemeinen ziemlich abgesicherten sozialen Status, die auch ein Teil der Bewegung waren, verachtet. Dabei ist die Geschichte nicht eindeutig. Viele dieser politisierten Straßenkämpfer sind zwar von anarchistischen Ideen beeinflusst gewesen (ein weiterer Grund, warum sie von den Marxisten-Leninisten so wenig geschätzt wurden), aber das heißt nicht, dass ihre autonomen Aktionen im Aufstand von Oaxaca nach Ansicht der organisierten Anarchisten im strategischen Sinn vernünftig gewesen wären. Es wäre jedoch von erheblichem Belang, mehr darüber zu erfahren, welchen Ausgang solche Spannungen ab Ende November 2006 genommen haben und was nach dem Abflauen der Rebellion als Bewegung auf der Straße aus der chavos banda geworden ist.

Neben den Barrikadenkämpfern bestanden die radikalen Kerne des Aufstandes in Oaxaca noch aus Gruppen oder Einzelnen innerhalb der APPO, die die Hegemonie der FPR-Stalinisten über die formalen Strukturen der Bewegung in Frage gestellt haben. Diese Antiautoritären, die in lockerer Form den magonistischen/antibürokratischen Flügel der Bewegung bildeten, hatten eine bewusste politische Perspektive, die der freien Debatte und der autonomen Macht der Basis der APPO verpflichtet war. Da sie in der Frühphase der APPO von der FPR ausmanövriert worden sind, waren diese Elemente - darunter die Gruppen, aus denen sich die Alianza Magonista Zapatista zusammensetzt, und die erst unlängst gebildete VOCAL (Voces Oaxaquenas Construyendo Autonomia y Libertad oder Stimmen Oaxacas zur Schaffung von Autonomie und Freiheit) - gegenüber den Stalinisten in einer schwachen Position, besonders da die Basis der APPO nach der schweren Repression, die in den Wochen und Monaten nach dem November 2006 erfolgt war, nicht mehr unbehindert oder offen tagen konnte. Diese Gruppen trugen ihre vehemente Kritik an den politischen Manipulationen der FPR und ihren Rufmordkampagnen gegenüber allen, die sich ihrem festen Griff um die APPO widersetzt haben, an die Öffentlichkeit (englische Übersetzungen von Material, das sich eingehend mit den Positionen der antiautoritären Linken in Oaxaca befasst, gibt es unter www.collectivereinventions.org).

Kurz nachdem diese Spaltungen innerhalb der APPO offen ausgebrochen waren, ist David Venegas, der führende Aktivist von VOCAL, verhaftet worden, und mit ihm hatten die Antiautoritären in Oaxaca nun eine Figur und einen Anlass (nämlich die politischen Gefangenen), um Kundgebungen zu veranstalten, wobei sie zugleich ihre antistalinistischen Ansichten über die Zukunft der Bewegung verbreiten konnten. Die Verhaftung von Venegas hat sie jedoch eines eloquenten und scharfzüngigen Redners beraubt, der nicht vor der Auseinandersetzung mit der FPR zurückgeschreckt ist (Venegas wurde zwar Anfang März 2008 einstweilen aus dem Gefängnis entlassen, hat aber noch wegen einer Reihe von Anklagen mit der Justiz zu tun). Ende 2007 veranstaltete der antibürokratische Flügel der APPO eine öffentliche Tagung, die sich Dritte (Bundes-)Staatsversammlung der APPO nannte und im offenen Gegensatz zur FPR oder zum "offiziellen" Flügel der APPO einberufen wurde. Sie führte eine Reihe von Gruppen sowie Vertreter der Stadtviertel und der (ehemaligen) Barrikaden zusammen, darunter auch eine beträchtliche Anzahl junger Antiautoritärer.

Wenngleich diese Entwicklung scheinbar ein Anzeichen dafür gewesen ist, dass sich dem antistalinistischen Sektor ein Raum öffnete, der es ihm erlaubt hat, zu seinen eigenen Bedingungen als autonome Bewegung zu wachsen und sich zu festigen (mit oder ohne Verwendung des Namens der APPO, den schon manche aus der VOCAL durch die Aktionen der FPR als schlimmstes kompromittiert sahen), führen derzeit die Antiautoritären von Oaxaca, zumindest einstweilen, einen tapferen, aber einsamen Kampf, müssen mit beschränkten Mitteln auskommen und begeistern nur wenige Menschen für ihre Sache.

Die staatliche Repression sowie die bürokratische Politik der FPR und ihrer Mitglieder unter den Lehrern haben in Oaxaca ihre Spuren hinterlassen. Die Bewegung ist nicht mehr das, was sie einmal war, und mobilisiert die Massen nicht mehr so wie zu ihren Glanzzeiten. In die Defensive geraten, ist das, was vom Aufstand übrig blieb, fast ausschließlich auf eine einzige Forderung reduziert - das eine, vorrangige Thema, das von Anfang an vorhanden war -, nämlich die Entfernung des übel beleumundeten Ulises Ruiz Ortiz aus seinem Amt. Damit ist die Bewegung selbstbezogen geworden: sie verkörpert in der Öffentlichkeit nicht mehr die Vision einer anderen Gesellschaft, was unter den gegenwärtigen Umständen zugegebenermaßen sehr schwer zu schaffen ist. Es finden immer noch Versammlungen statt, und gerade junge Anarchisten sind besonders aktiv und bewahren die Flamme der Rebellion vor dem endgültigen Erlöschen. Die Lehrergewerkschaft ist inzwischen wieder ihren eigenen Weg gegangen: Obwohl sie noch einen Aufruf zur Entlassung der politischen Gefangenen verfasste, hat sie sich im Wesentlichen wieder dem Gebiet berufsspezifischer, wirtschaftlicher Forderungen zugewandt.

Die letzten Seiten der Revolte von Oaxaca sind sicher noch nicht geschrieben. Sollte die Rebellion aber jemals wieder zu einem Massenphänomen und ihre Botschaft anderswo in Mexiko wahrgenommen werden, wird sie, ein wenig paradox, sowohl erneut Anschluss an die breite Gesellschaft in Oaxaca finden als auch aus der engen Festlegung auf eine rein auf Oaxaca beschränkte Bewegung ausbrechen müssen. Das ist eine gewaltige Aufgabe, und es wirkt vielleicht arrogant, wenn Außenstehende die Unzulänglichkeiten einer Rebellion kritisieren, die so weit gegangen ist, wie es die von Oaxaca getan hat. Die Schwächen der Bewegung und ihre Dilemmas zu übersehen, nützt aber niemandem.

V

... mit geringfügigem Aufwand könnten schätzungsweise über 10.000 Männer bereit stehen, um sich von den umliegenden Bergen herab in diese Gemeinde zu begeben, verwegen und hart wie das Klima des Landes, wie bezeugt wird durch die grässlichen Geschehnisse, die sich zugetragen haben, vermehrt in dieser einen Provinz noch als in den anderen des Königreichs; und diese Männer sind so umsichtig, dass ich Dinge über sie gehört und in Erfahrung gebracht habe, die man keinem der in diesem Geschäft erfahrensten Hauptmänner nachsagen kann.
Fr. Alonso de Cuevas Dávalos, Bischof von Oaxaca in seinem Brief aus Tehuantepec an den Vizekönig, April 16606

Beim Versuch, die Konturen des größeren Zusammenhanges ausfindig zu machen, aus dem die Rebellion von Oaxaca hervorgegangen ist, kommen einem die Entdecker der Nilquellen in den Sinn: Alles hängt davon ab, wie weit man zurückgehen will. Wie das obige Zitat andeutet, wurde das Gebiet von Oaxaca ein ganzes Jahrhundert nach der spanischen Eroberung Mexikos noch als rebellisches Land gesehen; es ist der Schauplatz mehrerer größerer Revolten gegen die koloniale Obrigkeit gewesen. In der Beschreibung der nämlichen Revolte des Jahres 1660, die den braven Bischof von Oaxaca so alarmiert hat, weist ein anderer Landsmann des Würdenträgers nachdrücklich daraufhin, dass in der Gegend "aufrührerische Zustände und böser Geist" weit verbreitet sind.

Anhänger der gegenwärtigen Rebellion sind geneigt, eine direkte Linie von der Revolte in Tehuantepec im Jahr 1660, die sich im Süden des heutigen Bundesstaates Oaxaca zugetragen hat, bis zu den heutigen Ereignissen zu ziehen, indem sie die jetzige Bewegung nur für eine einstweilen letzte Episode in einer ungebrochenen Tradition eingeborenen Widerstandes gegen sämtliche Maskierungen der westlichen Gesellschaft halten, sei es in der Gestalt spanischer Konquistadoren, des mexikanischen Staates, des U.S.-Imperialismus oder der globalisierten Konsumgesellschaft. In den Diskursen des indigenen Radikalismus ist das Thema, die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, anlässlich der Feiern von "500 Jahren Widerstand" der eingeborenen Völker gegen die "Fremdherrschaft", d.h. gegen die nicht-indigene Herrschaft, mehrfach angesprochen worden.

Selbst wenn man mit der Stoßrichtung dieser Argumentation liebäugelt, gibt es doch Probleme mit jeder Art Verklärung eingeborener Traditionen und dem Konstrukt einer nicht ganz verstandenen Gemeinschaft, die gegen das absolute Böse der Moderne gestellt wird. Damit sollen die eigenen Vorstellungen der Indigenen von ihrem Leben, ihren Kämpfen und ihre grundlegenden Einsprüche gegen herrschende Ordnung, sei sie lokal oder global, weder bestritten noch als "falsches Bewusstsein" bezeichnet werden. Im Gegenteil wird damit diesen Vorstellungen die Autonomie zuteil, die ihnen gebührt (wer sonst als die Indigenen kann für eingeborene Kulturen eintreten, statt bloß in ihrem Namen zu sprechen?), und eine gewisse Unfähigkeit des außenstehenden Betrachters anerkannt, die Wirklichkeit der indigenen Gesellschaften zu begreifen, die Welt auf dieselbe Weise zu sehen, wie jemand, der sie mit autochthonen Augen sieht.

Um eine solche Grenze des Verstehens zu erkennen, ist jedoch kein Ausverkauf des Kritikvermögens zugunsten leerer Allgemeinplätze nötig, wie sie für den Sprachgebrauch vieler Anhänger des Radikalismus der Vierten Welt typisch sind, die aus der Ersten Welt kommen. Deren Rhetorik ist nämlich eher emotional, denn analytisch und schmeichelt der indigenen Wirklichkeit mehr, als dass sie ihr tatsächlich entgegenkommt. Beim Lesen mancher Berichte könnte man denken, es habe einst ein vorkolumbianisches Zeitalter gegeben, in dem in den Ländern, die (um ihren europäischen Kolonisatoren Reverenz zu erweisen) als die beiden Amerikas bekannt werden sollten, Frieden, Gleichheit und Kooperation geherrscht hätten. Diese Legende erlaubt einfach keiner Tatsache, dem Garn ihrer utopischen Geschichte nahe zu kommen. Sie ignoriert oder verharmlost die Existenz einer erblichen und absolutistischen Obrigkeit, von Kasten, Sklaverei und Stammeskriegen in der indigenen Welt vor ihrer Eroberung durch die Spanier.

Doch zurück zur Realität der Situation in Oaxaca: eine reizvolle und wichtige Aufgabe für Außenstehende (und der Status eines extranjero braucht nicht unbedingt überwunden werden, sondern kann eine Perspektive bieten, die eben deshalb wertvoll ist, weil ihr Fokus weiter vom Gegenstand entfernt ist) besteht gerade darin, sich an das Verhältnis zwischen der Rebellion und der indigenen Kultur heranzutasten. An der Revolte Beteiligte haben betont, dass die Bewegung stark vom Beispiel der traditionellen "Sitten und Gebräuche" geprägt war (usos y costumbres kann auch mit Gewohnheitsrecht oder Traditionen übersetzt werden), die in vielen Dörfern des Bundesstaates Oaxaca beobachtet werden können. Dieser Einfluss wird unterstrichen von der zentralen Bedeutung des Versammlungsgedankens und der Versammlungspraxis innerhalb der Bewegung, von der Versammlungsform, wie sie von den Beteiligten 2006 in der Ausübung direkter Demokratie als integrales Werkzeug des Aufstandsexperimentes geschaffen wurde.

Neben der Dorfversammlung als einer souveränen Körperschaft, die im Konsens ihre Entscheidungen fällt, gehören zu den usos y costumbres folgende Bestandteile, die von Beobachtern und Indigenen selbst oft aufgeführt werden: 1) das System von cargos oder Ämtern, von einem Dorfbewohner wird erwartet, dass er diese Ämter auch übernimmt; 2) eine Art obligatorischer und unbezahlter Arbeit zugunsten der Gemeinde, als tequio bekannt; 3) die Praxis des gegenseitigen Austausches von Geschenken und Diensten, die in der Sprache der Zapoteken als guelaguetza bekannt ist; 4) eine tiefe Verpflichtung gegenüber den Werten der Kooperation; 5) der auch in der Gegenwart weiter bestehende kommunale Landbesitz.

Bemerkenswert ist, dass sich fast alle diese "Sitten und Gebräuche" mit der Zeit gewandelt und grundlegende Veränderungen erfahren haben, wie selbstverständlich auch die Struktur der indigenen Gesellschaft in Mexiko, angefangen mit dem Verschwinden ihres Erbadels. Überdies sind die heutigen usos y costumbres keine insgesamt unversehrten Praktiken aus einer anderen Zeit, die sich in irgendeiner Art Bernstein erhalten haben, sie sind auch nicht einheitlich und variieren innerhalb des Bundesstaates Oaxaca beträchtlich.

Als Beispiel dafür, inwiefern sich die als "zeitlos" vorgestellten Traditionen im Verlauf der Geschichte verändert haben, lässt sich der tequio anführen: die im Allgemeinen als unbezahlt und obligatorisch beschriebene Arbeit zugunsten der Gemeinde. Zusammen mit der Wichtigkeit der Kooperation in indigenen Dörfern wird diese Praxis oft als lebendiges Beispiel für gegenseitige Hilfe in einer Gemeindegesellschaft angeführt, was sie zweifellos in Oaxaca auch vielfach ist. Es ist jedoch interessant, der Etymologie des Wortes nachzugehen und die unterschiedlichen Bedeutungen zu sehen, die es in verschiedenen Zusammenhängen angenommen hat. Tequio leitet sich von dem Nahuatl- oder Aztec-Wort tequitl ab und meinte ursprünglich "Tribut" in Form von Arbeit oder Boden, der dem traditionellen Adel (der vorkolumbianischen, indigenen Herrscherkaste) oder anderen Oberherrschern (darunter den aztekischen Eroberern anderer Stämme) zukam. Er ist später in das Tributsystem der spanischen Kolonialisten integriert und gesetzlich festgelegt worden; diese haben geschickt die Stammes- und Kastentrennungen innerhalb der indigenen Gesellschaft ausgenutzt, Risse, die bereits eine größere Rolle bei der Eroberung gespielt und sie erleichtert hatten.

Wenngleich der tequio, wie er im heutigen Oaxaca praktiziert wird, in nordamerikanischen oder europäischen Köpfen eine Vision freiwilliger Zusammenarbeit heraufbeschwören mag - vergleichbar den Gemeinschaftsgärten im People's Park von Berkeley 1969 oder früheren kooperativen Unternehmungen im Amsterdam der Provos -, sind dessen positive Bedeutungen wiederum etwas, das mit der Zeit entstanden und modifiziert worden ist. Aber das ist nicht überall so gewesen: In Teilen Mittelamerikas ist die negative Bedeutung nämlich nicht verloren gegangen. Im Spanischen, das in Nicaragua gesprochen wird, heißt tequioso "anmaßend", "lästig" oder "belästigend" und lässt deutlich erkennen, dass es einem Wort entlehnt ist, das ursprünglich mit Zwangsarbeit, Pflicht und Dienst verbunden war.

Das System der cargos ist ebenfalls problematisch und verdient kaum die Begeisterung von Antiautoritären, die Versammlungen und abrufbare Delegierte befürworten. In ungefähr 15% der Dörfer in Oaxaca sind Frauen formal von der Teilnahme an der Dorfversammlung ausgeschlossen und dürfen kein Amt (cargo) ausüben. Diesen Umstand haben unlängst die mexikanischen Medien beleuchtet, als sie den Fall von Eufrosina Cruz Mendoza aufgriffen, die in ihrem Heimatdorf Santa Maria Quiegolani (im Bundesstaat Oaxaca) aus dem einfachen Grund nicht zur Ortsvorsteherin gewählt werden durfte, weil sie eine Frau ist. Ein solches Beispiel für eine geschlechtsbezogene Apartheid sollte jeden ernsthaft innehalten lassen, der versucht ist, in den Dörfern Oaxacas zeitgenössische Entsprechungen zu den Landkollektiven in der Spanischen Revolution auszumachen. Es unterstreicht auch das Ausmaß, in dem die heutige Bewegung in Oaxaca gegenüber der traditionellen indigenen Kultur Neuland betreten hat, namentlich (aber nicht nur) hinsichtlich der Geschlechterrolle. In vieler Hinsicht ist die Rebellion in Oaxaca kein atavistisches oder "traditionelles" Phänomen gewesen. Innerhalb der städtischen Rebellion war die Versammlung etwas ganz anderes als die Vollversammlung der Bewohner eines indigenen Dorfes, denn sie funktionierte als Versammlung von einfachen Mitgliedern der Basis, die Delegierte mit einem Mandat auf Widerruf gewählt hat. Sie mag wohl eine Verbindung zur kommunalen Versammlungspraxis im Bundesstaat Oaxaca gehabt haben, war aber, verglichen mit diesen Traditionen, eine Neuerung, die mehr mit autonomen Kampfformen gemein hatte, die in den letzten Jahrzehnten in anderen lateinamerikanischen Ländern aufgekommen sind, von den cordones industriales in Chile 1973 bis zur jüngsten piquetero-Bewegung in Argentinien.

Sinn und Zweck indigener Sitten und Gebräuche sind teilweise ebenfalls zu hinterfragen. In vielen traditionellen Dörfern Oaxacas besteht der Zwang, "sozial nützliche Arbeit" zu verrichten und in einer Reihe bestimmter Ämter, den zuvor erwähnten cargos, Aufgaben wahrzunehmen. Wenn jemand solche Verpflichtungen ablehnt oder ihnen ausweicht, wird ihm das Recht abgesprochen, am Leben der Dorfgemeinschaft teilzuhaben, und er wird effektiv geächtet. Menschen aus Oaxaca, die ihr Dorf verlassen und zu Arbeitsimmigranten in den USA oder Kanada werden, müssen solche Verpflichtungen, um ihren Status als Dorfangehöriger zu behalten, trotzdem erfüllen. Die wichtige Rolle, die einer solchen Identität zukommt, wird dadurch belegt, dass viele dieser Immigranten in ihre Dörfer zurückkehren, um ihren dortigen Verpflichtungen nachzukommen. Für ihre Zweideutigkeit ist bezeichnend, dass diese Gemeinschaft einen gewissen Zwang beinhaltet, und die Vorstellung, dass etwas unbezahlt oder freiwillig entrichtet wird, heutzutage zudem durch den Umstand untergraben wird, dass die Dorfmitglieder andere dafür bezahlen können, die tequio-Pflichten als ihre Stellvertreter abzuleisten. Nicht nur hierbei wird die Landgemeinschaft mit dem Geflecht der Geldwirtschaft konfrontiert. Überweisungen von Menschen aus Oaxaca, die in den USA oder in Kanada arbeiten, geben nicht nur der Staatswirtschaft Auftrieb, sondern haben auch Aspekte des Dorflebens im ländlichen Oaxaca verändert; durch sie kommen Satellitenschüsseln und andere von den Anhängern der indigenen Kulturen aus der Ersten Welt so verschmähte Accessoires der Konsumgesellschaft aufs Land.

Zudem kann das System der usos y costumbres - dem in der Rechtsprechung des Staates ein gültiger gesetzlicher Status zukommt - im gegenwärtigen Gefüge der sozialen Macht in Oaxaca als eine Form der Rekuperation begriffen werden, als ein Mittel zur Integration einer traditionellen indigenen Gesellschaft in die bestehenden Strukturen der politischen und sozialen Macht. Die offizielle Einverleibung der usos y costumbres fand 1995 während der Amtsdauer des PRI-Gouverneurs José Murat statt, gerade als sich die herrschende Elite in Oaxaca von Autonomieforderungen indigener Bewegungen im Bundesstaat bedrängt fühlte. Eine sorgfältige Studie von Alejandro Anaya Munoz belegt, dass die Strategie der Elite angesichts dieser Bedrohung in der Kooptierung und Integration der indigenen Anliegen bestanden hat, verbunden mit dem gewohnten Rückgriff, lokale caciques zu bestechen und die Dörfler zu Wahlzeiten mit Geldgeschenken zu belohnen.7

Was kann nun schließlich über das Verhältnis von Tradition und sozialer Bewegung in Oaxaca ausgesagt werden? Offensichtlich gibt es zwar ein solches Verhältnis, aber es ist, wie eben erklärt wurde, nicht eindeutig. Das heißt nicht, dass es belanglos ist oder die indigene Sichtweise irgendwie zweitrangig. Ein endgültiger theoretischer Standpunkt gegenüber diesen Fragen ist jedoch wohl eine Schimäre. Statt zu versuchen, eine Antwort zu geben, die jedenfalls niemals eine endgültige, sondern nur eine annähernde sein kann, sollte man eher Fragen stellen und Nachdruck auf die Verwerfungen in einer Landschaft legen, die anderen flach oder gefällig erscheinen mag.

Für die bedingungslosen - und unkritischen - Anhänger indigener Kämpfe gibt es keine derartigen begrifflichen Probleme. Sie billigen die Traditionen schlicht als von Haus aus egalitär und gemeinschaftlich; manche gehen sogar so weit, ausgefallene Behauptungen über die cosmovisíon (Weltanschauung) eingeborener Völker aufzustellen und heben die Ungleichheit traditioneller und moderner Mentalität in den Rang einer ontologischen Differenz.8 Ein klassisches Beispiel für eine derartige Argumentation behauptet das Vorhandensein eines echten "indianischen Wesens", das ahistorisch, unveränderlich und organisch sei. Aus einem solchen Denken geht eine Art identitärer Politik hervor, die auf einem indigenistischen Fundamentalismus beruht.

Im Gegensatz dazu sind traditionelle Marxisten geneigt, jedes Argument zugunsten einer radikalen Bauernschaft und ihrer Gemeindetraditionen von vornherein zu verwerfen. Man vernimmt dabei die Stimme des Herrn, die Stimme Marxens nämlich, der im ersten Abschnitt des Kommunistischen Manifestes bekanntlich vom "Idiotismus des Landlebens" spricht. Die marxistische Argumentation umfasst selbstverständlich mehr als bloße Herablassung, die Schwärmerei des jungen Marx in Die deutsche Ideologie von einer kommunistischen Gesellschaft inbegriffen, in der er am selben Tag jagen, fischen und philosophieren kann, ohne dabei von irgendeiner dieser Tätigkeiten festgelegt zu werden.9 Für fast alle Marxisten jedoch, deren Ansichten auf der Theorie notwendiger, unvermeidlicher Stufen im Geschichtsverlauf beruhen, gibt es nur einen möglichen Übergang in eine Zukunft nach dem Kapitalismus, und die Pforte dazu wird von der Industriearbeiterklasse aufgestoßen. Jede andere Hilfe seitens anderer subalterner Gesellschaftselemente ist nicht gefragt; bestenfalls können sie eine den Aktionen der Arbeiterklasse beigeordnete Rolle spielen, während die Arbeiterklasse die Rolle der Avantgarde einnimmt.

In den letzten Jahren sind marxistische Zwecklehren allerdings zunehmend aus dem Konzept gekommen, und marxistische Dissidenten haben das erkannt. Autonome Marxisten sind viel aufgeschlossener bei der Berücksichtigung nicht-herkömmlicher sozialer Bewegungen, z. B. in Argentinien, Bolivien und Mexiko, und ziehen in Betracht, dass sie radikale, antikapitalistische Möglichkeiten transportieren. Leider haben ihre Schriften darüber meist einen Hang zur postmodernen Selbstparodie, wenn darin etwa Begriffe wie "Inwertsetzung" (als positiver Begriff für autonome Aktionen radikaler Protagonisten) und "Biopolitik" auftauchen.

Im Gegensatz dazu ist die anarchistische Tradition bei der Berücksichtigung radikaler bäuerlicher Initiativen schon immer viel aufgeschlossener gewesen und weiter als der Marxismus gegangen, indem sie eine kritische Betrachtung der Naturbeherrschung (ein Projekt, das im Mittelpunkt der auf Produktion hin angelegten leninistischen Staaten steht) mit einschließt, eine Kritik, die einen Teil ihrer Ablehnung von sozialer Hierarchie, Staat und Kapital ausmacht. Gerade aus diesem Grund haben die Arbeiten von Pjotr Kropotkin, Elisée Réclus und Gustav Landauer sowie das Beharren auf der Wichtigkeit von Kooperation und Gemeinschaft sogar für manche Marxisten eine neue Relevanz erlangt. Im Fall lateinamerikanischer Denker gibt es eine noch unmittelbarere Verbindung zu den in Oaxaca vorhandenen Themen. Peruanische Anarchisten waren in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts nicht nur bestrebt, indigene Perspektiven in ihre Theorie, wie ein libertärer Kommunismus in den Anden zustande kommen kann, zu integrieren, sondern hatten auch Andinos in ihren Reihen. Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass die Geschichten und Bewegungen, die den lateinamerikanischen Marxisten des 20. Jahrhunderts (mit einigen Ausnahmen, darunter José Carlos Mariátegui) so überholt oder veraltet vorkamen, jetzt die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen. Die Historiker des lateinamerikanischen Anarchismus entdecken immer noch eine Vergangenheit, die bis in die Gegenwart hinein wirkt, und haben den Gegenstand noch lange nicht ausgeschöpft.10

Was Oaxaca anbelangt, so braucht nicht erst lange Ausschau gehalten werden: Ricardo Flores Magón ist sein berühmter anarchistischer Sohn, und sein Einfluss auf die aktuelle soziale Bewegung ist so groß, dass (wie bereits weiter oben erwähnt) ein ganzer Strang der Bewegung "magonista" ist. Obwohl, und auch das wurde schon zuvor erwähnt, immer die Möglichkeit besteht, dass eine radikale Tendenz vom Staat neutralisiert oder bestochen werden kann (anscheinend gibt es unter den verschiedenen politischen Strömungen in Oaxaca eine Art rekuperierten Magonismus), gibt es im Kern von Magons eigentlichem Gedankengut ein kompromissloses Beharren auf revolutionärer Transformation und dem Zusammenhang von Zielen und Mitteln im Kampf für eine freie Gesellschaft. Sein Anarchismus beinhaltet mehr als nur ein bloßes Gespür für indigene Fragen: Diese Anliegen befanden sich in einem sehr realen Sinn im Kern seiner radikalen Vision.

Bekanntlich behauptete Magon 1911, dass sich "das mexikanische Volk für den Kommunismus eignen" würde, womit er ausdrücklich den libertären Kommunismus meinte, eine egalitäre Gesellschaft jenseits von Staat und Kapital und jenseits der Tyrannei von Parteibossen jedweder Färbung. Und das war keine bloße Behauptung, die nur auf seinem Glauben beruhte: sie beruhte vielmehr auf Beobachtungen in Oaxaca und anderen Orten in Mexiko, von denen er wusste, dass die Tradition von Gemeindebesitz und Kooperation bis ins 20. Jahrhundert hinein überlebt hatte:

Das mexikanische Volk hasst instinktiv die Obrigkeit und die Bourgeoisie. Jeder, der in Mexiko gelebt hat, kann uns bestätigen, dass es niemanden gibt, der inbrünstiger gehasst wird als der Polizist, und dass der Soldat, der anderswo Bewunderung und Beifall findet, hier mit Abneigung und Verachtung angesehen wird; jeder wird gehasst, der seinen Lebensunterhalt nicht mit eigenen Händen verdient.

Das allein reichte aus für eine soziale Revolution, deren Charakter wirtschaftlich und antiautoritär ist, aber da ist noch mehr. In Mexiko leben vier Millionen Indianer, die bis vor zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren in Gemeinden lebten, die das Wasser, das Land und die Wälder in ihrem Gemeinbesitz hatten. Gegenseitige Hilfe war in diesen Gemeinden die Regel, in denen die Obrigkeit nur dann wahrgenommen wurde, wenn alle Zeiten einmal der Steuereintreiber kam oder "Rekrutierer" auf der Suche nach Männern auftauchten, die sie in die Armee pressen wollten. In diesen Gemeinden gab es keine Richter, Bürgermeister, Gefängniswärter, tatsächlich keine lästigen Menschen von dieser Sorte.
( Regeneracíon, 12. September 1901)

Die Frage des Gemeindelandes hat eine Reihe radikaler Analytiker der Situation in Oaxaca fasziniert. Obwohl man gern glauben will, dass in Oaxaca und Chiapas eine Art Entsprechung des russischen mir als Pforte überlebt hat, durch die - auf der Grundlage des Kollektivbesitzes und kooperativer Praxis - die Gesellschaft einen radikalen Sprung in den libertären Kommunismus machen kann, ist dieser Glaube mangels eines besseren Beweises nur utopische Spekulation. Derzeit sind die "Landkommunen" von Oaxaca meist durch Streitigkeiten um ihren kollektiven Landbesitz blockiert, und die Forderung nach indigener "Autonomie" scheint eher der Ruf nach einer Art radikalen Autarkie zu sein als nach einer irgendwie gearteten allgemeinen revolutionären Transformation der Gesellschaft.

Für den Kapitalismus, der auf Modernisierung, und den Marxismus, der auf Produktion ausgerichtet ist, müssen soziale Differenzen im Namen der Homogenisierung eingeebnet werden, ein Prozess, worin für Traditionen kein Platz ist, es sei denn, sie finden als Folklore oder kulturelle Dekoration Verwendung. Doch auch wenn sich traditionsgebundene Gesellschaften gerade durch solche Eigenschaften auszeichnen, die sie von der herrschenden Gesellschaft absetzen, gibt es noch eine andere Art von Differenz, die in einer durch Konsens und Kollektivität geprägten Gesellschaft auf Dorfebene nicht aufkommen kann. Was es nämlich dort nicht gibt, sind eine gewisse Vielfalt und Abwechslung und auch das Unvorhersehbare, Qualitäten, die gewöhnlich mit einem eher städtischen Leben verbunden sind. In solchen Gemeinden haben eine Subkultur und letztlich auch Politik kaum eine Chance. Nicht zufällig war der Ort, an dem die Rebellion von Oaxaca ihren Ausgang genommen hat, die Stadt und nicht das Land Oaxaca, was auch der Grund dafür ist, dass sie eine etwas andere Färbung angenommen hat als die Bewegung der Zapatisten in Chiapas.

Zudem besteht die Gefahr, traditionelle Gesellschaften oder ein paar radikale Bauern mit einer vergleichbaren Erlöser- oder Heilsbringermission zu befrachten, wie sie früher dem Industrieproletariat zugeschrieben wurde. Die heutigen Antiautoritären laufen Gefahr, mit ihrer unkritischen Unterstützung der Zapatisten und der Bewegung in Oaxaca eine Art zeitgenössische "Drittewelttümlerei" zu befördern, und einige Schattierungen dieser Tümlerei riechen manchmal nach einer Ersatzlust, nach einer Freude an radikaler Gewalt, die aus einer Entfernung genossen wird, die sowohl geographischer wie sozialer Natur ist. Es sollte einen sinnvolleren und kreativeren Weg geben, sich mit der Rebellion in Oaxaca zu beschäftigen als einen, der sich im Grunde darin erschöpft, die Straßenkämpfe anderer zu beobachten (und die Umstände zu beklagen, die es einem nicht erlauben, einer vergleichbaren Beschäftigung nachzugehen).

Wie löblich das Konzept auch sein mag, bloße Nachahmung ist nur ein weiterer Rohrkrepierer. Zunächst - und das gilt besonders für alle, die in entwickelten Gesellschaften leben - ist die ganze Welt eben nicht wie dieser Ort namens Oaxaca, wie sehr man sich das auch wünschen mag. Gewiss, Bullen und eine korrupte, willkürliche Obrigkeit gibt es überall, und insofern kann, will man sich mit leeren Posen abgeben, gesagt werden, "We All Live In Oaxaca". Aber der besondere Mix, der die Rebellion in Oaxaca hervorgebracht hat, die besondere sozioökonomische Struktur und die Geschichte der Stadt und ihres Umlandes, stellt sich nicht in den "Metropolen" des Nordens ein und, was das anbelangt, nicht einmal in denen des Südens.

Es wäre allerdings ein Fehler, die Rebellion in Oaxaca ausschließlich als lokale oder lokal beschränkte Erscheinung wahrzunehmen. Tatsächlich ist Oaxaca wohl oder übel ein Teil der Welt, besonders im Zusammenhang der globalisierten Wirtschaft. Arbeiter aus Oaxaca sind in die USA und nach Kanada ausgewandert und haben ihre Politik dorthin mitgebracht. Die Zirkulation der Menschen innerhalb und außerhalb Mexikos wird von Kräften angetrieben, die sich auch in anderen Ländern und Regionen auswirken, und insofern haben andere ihren Anteil daran, was bei einem Aufstand wie dem in Oaxaca herauskommt. Dieser Anteil geht über die Abstraktionen der politischen Ökonomie hinaus und sogar über die konkreten Begegnungen mit manchen Aspekten Oaxacas, die sich im Alltag ereignen mögen (wenn du zum Beispiel in Kalifornien lebst, kann die Person, die im Restaurant dein Geschirr abwäscht oder das Obst und Gemüse erntet, das auf deinen Tisch kommt, durchaus aus Oaxaca sein).

VI

Geographie ist keine unveränderliche Sache. Sie wird gemacht und jeden Tag neu gemacht; in jedem Augenblick wird sie durch die Handlungen der Menschen verändert.
Elisée Reclus, L'Homme et la terre

Für jemanden außerhalb Mexikos, besonders für jemanden in den Vereinigten Staaten und in Kanada, ist eine Untersuchung der verschiedenen Vorgänge, die diese Länder mit Mexiko und speziell mit Oaxaca in einen Zusammenhang bringen, vielleicht angebrachter als die vergebliche Mühe, die Sache mit den usos y costumbres völlig zu begreifen. Das Phänomen einer großen Anzahl von Menschen aus Oaxaca, die Arbeit im Norden suchen, ist im allgemeinen zwar gut bekannt, aber es birgt noch mehr Aspekte als das schlichte Problem der Überweisungen oder etwa den Status illegaler Einwanderer in einem feindseligen gesellschaftspolitischen Umfeld, das zunehmend rassistischer und "heimatverbundener" wird.

Auf ihren Reisen in den Norden haben Arbeiter aus Oaxaca ihre Kultur und Politik mitgenommen. Sie haben ihre eigenen Arbeiterorganisationen mit ihren eigenen Publikationen gegründet und in diese Aktivitäten meist eine ausgesprochen indigene Perspektive einfließen lassen; sie können daher nicht einfach als "hispanisch" oder "mexikanisch-amerikanisch" vereinnahmt werden. Für die Anhänger der Rebellion von Oaxaca wäre es vorrangig, mehr über die Menschen aus Oaxaca, die beispielsweise in Kalifornien, Oregon oder die im Jahr 2006 auch Demonstrationen in Los Angeles gegen die Polizeirepression im heimischen Oaxaca beinhaltet haben.11

Es gibt auch Mittel und Wege, Verbindungen nach Oaxaca herzustellen und in einer bewusst getroffenen Entscheidung den radikalsten Flügel der dortigen Bewegung zu unterstützen. Den Organisationen kann materielle Hilfe geleistet werden; vor mexikanischen Konsulaten können Proteste zur Unterstützung politischer Gefangener organisiert werden (und sind auch organisiert worden) und in den Vereinigten Staaten generell gegen die Hysterie, die sich gegen die Immigranten richtet. Es gibt auch, was nicht nebensächlich ist, Worte: Worte, die über nur vorgefasste Meinungen selbst der "alternativen" Art hinausgehen. Der beste Tribut an die Rebellion ist, an ihrem Geist teilzuhaben, indem man etwas wagt und den Kopf riskiert, sogar auf einem beschriebenen Blatt Papier.

In einer Zeit, die in vielen Teilen des Globus durch Krieg, Elend und Umweltzerstörung geprägt ist, und angesichts dessen durch massenhafte Gleichgültigkeit, Resignation und Ablenkung - besonders in den fälschlicherweise "fortschrittlich" genannten Gesellschaften - noch trister wird, sind Ereignisse wie die Rebellion in Oaxaca so inspirierend wie sie eben sind. Es kann mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass künftig weitere radikale soziale Bewegungen, zumindest in Lateinamerika, entstehen und dass in ihnen ebenfalls antiautoritäre, emanzipatorische Strömungen vorhanden sein werden. Aber solange sich diese nicht selbst konsolidieren und ihrer Ziele und Feinde bewusst werden (die neben den Generälen und Schlägern der Rechten auch die Bürokraten und caudillos der Linken umfassen), sind sie dazu verurteilt, interessante Fußnoten der Geschichte zu bleiben, statt Pforten, die sich in eine vielversprechendere Zukunft öffnen.

Palo Alto, März 2008

Nachdruck aus: Die Aktion Heft 214 / Zweite Lieferung 2008. Aus dem Englischen von Egon Günther. © Edition Nautilus, Hamburg 2008

  • 1. Das Experiment von Oaxaca hat teilnehmende Beobachter angezogen, die über die Ereignisse detaillierte Berichte verfasst haben. Es ist auch ein Magnet für die Sorte "Revolutionstouristen" gewesen, die Hans Magnus Enzensberger vor langer Zeit angeprangert hat ("Revolutionstourismus", Kursbuch 30, Berlin 1972, S.155-181), und ihre atemlosen Frontbulletins sind nicht unbedingt zutreffend und informativ gewesen. In der ersten Kategorie muss George Lapierre erwähnt werden, dessen Chronik der ersten sechs Monate der Rebellion aufschlussreich ist. Viele davon sind in einer Sonderausgabe der französischen Zeitschrift CQFD zusammengestellt, "La libre commune d'Oaxaca", Januar-Februar 2007 (www.cequilfautdetruire.org).
  • 2. Was das Urteil der IKS (Internationale Kommunistische Strömung) über Oaxaca betrifft, siehe http://www. internationalism.org. Was die Kritik der aufständischen Anarchisten an der APPO betrifft, die in ihrer Aufzählung der verschiedenen politischen Manöver innerhalb der APPO sehr hellsichtig und genau ist, siehe den Text der Coordinadora Insurrecional Anarquista (http://espora.org/okupache//b21 hart_imp.php?p=1249more=1). Eine bemerkenswert frühe Analyse der Rebellion in Oaxaca, die auch noch die Fallen sowohl abstrakter Denunziation wie unkritischer Unterstützung vermieden hat, ist "This Is What Recuperation Looks Like" von Kellen Kass, veröffentlicht in A Murder of Crows, no. 2, März 2007 (online in der library section von wwww.libcom.org).
  • 3. Um die Ausmaße der Krise, die in den letzten Jahrzehnten die mexikanische Wirtschaft getroffen hat, vollständig zu begreifen, muss man wenigstens bis zur Schuldenkrise von 1982 zurückgehen, als der mexikanische Staat - in der paradoxen Lage, sowohl Öleinnahmen zu produzieren als auch eine Schuldnernation zu sein, die wiederverwertete Petrodollars in Form von Anleihen internationaler Banken erhielt - seinen Schuldverpflichtungen nicht nachkam. Durch eine Austeritäts- und Privatisierungspolitik qualifizierte sich Mexiko 1987 für eine "Rettung" durch internationale Finanzinstitute, deren Bedingungen von keinem anderen als dem Berater der Familie Bush, James F. Baker, ausgehandelt wurden. Später sind von der Regierung Clinton weitere Zugeständnisse Mexikos als Teil eines weiteren "Ausstieg"-Programms verlangt worden. Das alles bildete das Vorspiel zur Umsetzung der Bedingungen des NAFTA-Abkommens und war zugleich als Antwort auf NAFTA der Beginn des zapatistischen Aufstandes in Chiapas.
  • 4. Siehe die interessanten, vom Grupo Socialista Libertario in seiner Kritik an der "Anderen Kampagne" des EZLN aufgeworfenen Fragen (in englischer Übersetzung auf www.collectivereinventions.org).
  • 5. Siehe den Artikel von David Recondo, "Oaxaca el ocaso de un régimen", Letras Libres (Mexiko), Februar 2007.
  • 6. Zitiert in Judith Francis Zeitlin, Cultural Politics in Colonial Tehuantepec, Stanford: 2005, S. 168.
  • 7. Alejandro Anaya Munoz, Autonomia indigena, gobernabilidad y legitimidad en México: la legalización de usos y costumbres en Oaxaca, Mexiko City: 2006.
  • 8. Als Beispiel dafür siehe Brenda Aguilar, "Autonomías Latinoamericanos: Algunas reflexiones sobre Utopías Posibles", 2008 (http://anarkismo.net/newswire).
  • 9. Zur marxistischen Kritik eines Radikalismus, der von der "Andersheit" der Bauern ausgeht, siehe Tom Brass, "Neoliberalism and the Rise of (Peasant) Nations within the Nation: Chiapas in Comparative and Theoretical Perspective" The Journal of Peasant Studies, Vol. 32, Ns. 3&4, Juli/Oktober 2005.
  • 10. Siehe z.B. Wilfredo Kapsoli, Ayllus del sol: anarquismo y utopía andina, Lima (1984) sowie die Bücher von Osvaldo Bayer (über den Generalsteik von 1921 in Patagonien) und Sergio Grez Toso (über die Geschichte des chilenischen Anarchismus).
  • 11. Mehr zu den Arbeitern aus Oaxaca in den Vereinigten Staaten und Kanada siehe bei Lynn Stephen, Transborder Lives: Indigenous Oaxacans in Mexiko, California and Oregon, Duke University Press (2007).