28 Thesen zur Klassengesellschaft

01. Jun 2007

Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft

I. Der Siegeszug der klassenlosen Klassengesellschaft

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Das vorläufige Resultat der Geschichte des Kapitals in seinen fortgeschrittenen Zonen stellt sich als klassenlose Klassengesellschaft dar, in der das alte Arbeitermilieu in einer verallgemeinerten Lohnabhängigkeit aufgelöst ist: überall proletarisierte Individuen, nirgends das Proletariat, nicht als erkennbare Gruppe von Menschen und erst recht nicht als kollektiver Akteur, als negative, auflösende Seite der Gesellschaft. Aus gelegentlichen Arbeitskonflikten werden keine Klassenkämpfe, in denen um die Zukunft der Gesellschaft gerungen würde, denn die alte proletarische Bewegung ist restlos in der herrschenden Ordnung aufgegangen und eine neue noch nicht in Sicht.

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Die klassenlose Klassengesellschaft ist das Kind der alten Arbeiterbewegung und des modernen Staates. Sind in den Klassenkämpfen des 19. und 20. Jahrhunderts immer wieder weiterreichende Momente aufgeblitzt, so fand sich die erdrückende Mehrheit der Arbeiter in Organisationen gut aufgehoben, deren Politik ungeachtet aller revolutionären Rhetorik darauf hinauslief, die Emanzipation der Arbeiter auf dem Boden und mit den Mitteln der bürgerlichen Gesellschaft selbst durchzusetzen — in den Gewerkschaften sowie den sozialistischen und kommunistischen Parteien der II. wie auch der III. Internationale, die schon bald revolutionäre Prinzipien wie den Antiparlamentarismus fallen ließ und schließlich durch und durch stalinisiert wurde. Ausnahmen bildeten nur kleine radikale Minderheiten wie die IWW in den USA, die Anarchosyndikalisten und die Linksradikalen in oder jenseits der sozialistischen Parteien. So lösen die Erfolge der alten Arbeiterbewegung schließlich das proletarische Milieu auf, in dem sie verankert war; ein Milieu, dessen unbestrittenes Herz die Fabrik bildete, doch in Gestalt von Arbeitersportvereinen, Arbeiterpresse, Arbeiterquartieren etc. pp. nicht weniger als eine eigene Gesellschaft innerhalb der bürgerlichen bildete. Zwar hat die staatliche Sozialpolitik, vom Versicherungswesen bis zum Städtebau, gezielt an der Abschleifung dieses Milieus gearbeitet — wobei im Falle Deutschlands die Bedeutung des Nazismus kaum überschätzt werden kann –, doch sein Untergang in allen fortgeschrittenen Ländern verdankt sich in erster Linie der Kapitalisierung der Gesellschaft, die eine Emanzipation der Arbeiterklasse aus politischer Rechtlosigkeit und materieller Not erlaubte. Einer „Logik des Kapitals“ folgt diese historische Entwicklung nur insoweit, als diese Logik den Klassenkampf einschließt.

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Zentral in dieser Konfrontation ist die Auseinandersetzung um Löhne und die Länge des Arbeitstags. Nur der Widerstand der Arbeiterinnen und Arbeiter erzwingt seine fortschreitende Verkürzung und untergräbt die früher erdrückende Zentralität der Arbeit in ihrem Leben, ohne sie jemals wirklich überwinden zu können. Die Kapitalisten können die Ausbeutung, das Auspumpen von Mehrarbeit, nicht mehr durch Verlängerung des Arbeitstags steigern; ebenso verhindert der Widerstand der Arbeiter Lohnsenkungen. Der Wert der Ware Arbeitskraft wird nun vielmehr gesenkt, indem die Lebensmittel der Arbeiter verbilligt werden. Diese Steigerung des relativen Mehrwerts bedeutet, dass die Ausbeutungsrate, das Verhältnis von bezahlter zu unbezahlter Arbeit, erhöht werden kann, obwohl die Arbeiterinnen kürzer arbeiten und sich für ihren Lohn mehr kaufen können. Der Siegeszug des Reformismus gründet in der damit gegebenen Möglichkeit einer partiellen Versöhnung von Kapitalisten und Arbeitern, weil die einen weiter akkumulieren können, ohne dass den anderen zwangsläufig immer mehr genommen werden müsste, sie tatsächlich immer weniger bloße Habenichtse sind. Wie bedeutend die koloniale Gewaltgeschichte auch für die Entstehung des Kapitalismus gewesen sein mag: Der Reichtum der entwickelten kapitalistischen Gesellschaften gründet nicht in kolonial angeeignetem Extraprofit, der Überausbeutung der Arbeiterinnen und Bauern in der so genannten Dritten Welt, sondern in der ungeheuren Steigerung der Produktivkraft der Arbeit. Löhne und Profite stellen kein Nullsummenspiel dar. Ebenso illusorisch ist die entgegengesetzte Auffassung, dieser Zustand sei stabil und krisenfrei, verallgemeinerbar und obendrein immer weiter zu treiben, bis sich die Gesellschaft des Kapitals in ein Arbeiterparadies verwandelt. Wir sind gegenwärtig Zeugen des Untergangs der Konstellation, der diese reformistische Illusion ihre Kraft verdankte.

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Was sich nach der Seite der Ökonomie hin als Durchsetzung relativer Mehrwertproduktion und der daraus resultierenden materiellen Besserstellung der Arbeiterklasse darstellt, vollzieht sich nach der Seite der Politik hin als Anerkennung der Proletarier als Staatsbürger. Der Klassenstaat der Bourgeoisie mutiert zum klassenübergreifenden Gesellschaftsplaner, dessen Politik, formal betrachtet, alle gleichermaßen bestimmen dürfen; anfangs noch durch Klassenparteien, die allmählich zu Volksparteien werden. Wie der Supermarkt weder Proletarier noch Kapitalisten kennt, sondern nur den zahlungskräftigen Konsumenten, so die Wahlurne nur den Staatsbürger. Mehr und mehr wird das Leben der Proletarier durch den Staat vermittelt — durch seine Arbeitsschutzgesetze und Sozialleistungen (die von Löhnen und Mehrwert abgezweigt werden, im einen wie im anderen Fall also auf der Arbeit der Proletarier beruhen), seinen Wohnungsbau und seine Schulen, nicht zu vergessen seine Investitions- und Beschäftigungsprogramme. Gegenüber dem Anarchismus, der den Staat nur als äußerlichen Gegner kannte, als Geheimpolizei, Gefängnis, kurz: Gewalt, setzen sich die etatistischen Strömungen in der Arbeiterklasse durch, die diesen Staat mit proletarischem Antlitz zu Recht als auch ihr Geschöpf begreifen und lieben lernen. Während sich der italienische Faschismus als proletarische Nation imaginiert, erklären die Nationalsozialisten den 1. Mai zum Feiertag und erringen die neuen amerikanischen Industriegewerkschaften ihre größten Erfolge unter Roosevelts New Deal, errichtet Stalin das Vaterland aller Werktätigen, die irgendwann einmal vaterlandslos gewesen waren. Es ist mehr als ein Nebeneffekt, dass damit auch die bürokratische Kontrolle der Gesellschaft sich bis zur Perfektion entwickelt. Der proletarische Internationalismus und die Selbstorganisation des Arbeitermilieus sterben ab im Rhythmus der Verstaatung der Gesellschaft, die in der Nationalisierung der Massen und zwei Weltkriegen gipfelt.

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Als die Krise von 1929 die bürgerliche Ratio entblößte und den Golden Twenties des sozialdemokratischen Reformismus ein abruptes Ende bereitete, rettete sich die herrschende Ordnung in Deutschland in den offenen Irrsinn der Rasse und die Gewalt des autoritären Staates. Nirgends wurde die klassenlose Klassengesellschaft grotesker und barbarischer verwirklicht als im Nationalsozialismus, dessen „Mission“ in Hitlers Worten darin lag, die „Klassenspaltung, an der Bürgertum und Marxismus gleichmäßig schuld sind“, endgültig zu überwinden. Gerade weil der Klassengegensatz unangetastet blieb, wurde er auf die Juden als zugleich proletarisch-internationalistische wie plutokratisch-finanzkapitalistische Saboteure der Volksgemeinschaft verschoben und im Massenmord zu exorzieren versucht. Hinter der irrwitzigen ideologischen Konstruktion, „der Jude“ habe als Bolschewist die deutschen Arbeiter aufgehetzt, um als Börsianer über die nationale Wirtschaft zu triumphieren, steht jedoch keine blanke Diktatur des Kapitals über die deutsche Arbeiterklasse als vielmehr das Vorhaben, diese in einen völkischen Sozialstaat einzubinden. So unstrittig es ist, dass sich die Gewalt des faschistischen Staates zunächst gegen die Arbeiterbewegung richtete, so unzweifelhaft ist es doch auch, dass er seine Massenbasis auf die Arbeiterklasse ausdehnen konnte. Als rassistisch privilegierte Aufseher über Millionen Zwangsarbeiter, als Fußtruppen des deutschen Vernichtungskriegs, als Nutznießer der „Arisierungen“ gingen erhebliche Teile des deutschen Proletariats in der Volksgemeinschaft auf, die sich folglich aus der Sicht ihrer Opfer nicht als Propagandalüge darstellte, sondern als die Hölle auf Erden. Wenn Hitler kein Betriebsunfall war und der rassenimperialistische Raubkrieg die letzte Rettung für den deutschen Kapitalismus, dann liegt das Versagen der Arbeiterbewegung nicht in mangelnder Verteidigung der Legalität gegen die Diktatur als vielmehr in ihrer Unfähigkeit, aus eben dieser bürgerlichen Ordnung auszubrechen, die nun mit voller Macht dem faschistischen Abgrund entgegeneilte. Die historische Tragik bestand darin, dass Sozialdemokratie und Gewerkschaften, nachdem sie 1914 ins Horn des Sozialchauvinismus geblasen und 1918/19 die revolutionären Minderheiten geschlagen hatten, nun ihrerseits einer Volksgemeinschaft zu weichen hatten und nicht selten zum Opfer fielen, die ihrem eigenen Volksstaatsgedanken in mehr als einer Hinsicht zum Verwechseln ähnlich sah — weshalb die Anbiederung der Gewerkschaften an die neuen Machthaber auch keineswegs ein Ausrutscher korrumpierter Führer war. Ihre Begeisterung für den „Kriegssozialismus“ von 1914 war es, für staatliche Wirtschaftslenkung, Arbeitsdienst und nationale Einheit, was sich nun gegen sie selbst richtete, da sie, wie verkümmert auch immer, Organisationen der Arbeiterklasse waren, die nun unmittelbar in den Staat eingegliedert werden sollte; die Zeit des Austarierens gegensätzlicher Interessen war in der großen Krise abgelaufen. Der parteikommunistische Flügel der Arbeiterbewegung wiederum war nicht nur weitgehend zu einer Organisation von Arbeitslosen und entsprechend machtlos geworden; er wiegte sich nicht nur, gestützt auf die schale Metaphysik historischer Gesetze, in falscher Siegesgewissheit und unterschätzte die hereinbrechende Barbarei des Nazismus; er war ihr vielmehr mit seinen autoritären Strukturen und mit politischen Dummheiten wie dem „Programm zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes“ (1930) unwillentlich selbst entgegenkommen, so dass „die nationalistischen Abenteuer der Dritten Internationale in Deutschland … mit zu den Voraussetzungen des faschistischen Sieges gehören. Man hat die Arbeiter selbst zu Faschisten erzogen, indem man zehn Jahre lang mit Hitler um den ‚wirklichen Nationalismus’ konkurrierte.“ (Gruppe Internationaler Kommunisten, 1935)

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Fast schwerwiegender für den Verlauf der proletarischen Bewegung im 20. Jahrhundert dürfte es gewesen sein, dass ihr vermeintlicher großer Sieg in Russland 1917 im Fortgang Resultate zeitigte, die dazu angetan waren, die Revolution nicht mehr herbeizusehnen, sondern sich vor ihr zu fürchten. Das vorrevolutionäre Russland zeichnete sich durch einzelne proletarische urbane Inseln inmitten eines Ozeans von Bauern aus. Die Trennung der Russischen Revolution in eine „bürgerliche“ (Februar) und eine „proletarische“ (Oktober) Phase ist ideologisch. Soziale Revolutionen bewegen sich innerhalb der Möglichkeiten, die die vorgegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse bieten. Und diese verändern sich nicht innerhalb weniger Monate. 1917 rebellierte die russische Bevölkerung unter der Losung „Brot, Land und Frieden“ gegen die Brutalität und Sinnlosigkeit des Krieges und ihre Lebensbedingungen. Als Soldaten im Krieg erlitten Bauern und Arbeiter das gleiche klassenübergreifende Schicksal und sorgten für den Zusammenbruch der militärischen Disziplin an der Front. Die Männer kehrten nach Hause zurück und verbreiteten im ganzen Land den Ungehorsam gegenüber der Obrigkeit. Überall wurden die herrschenden Machtverhältnisse durch Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte in Frage gestellt. Während ein radikaler Teil der Fabrikräte hierarchische Entscheidungsstrukturen ablehnte, sich an die Übernahme von Produktion und Verteilung machte und darauf aufbauend eine überbetriebliche Koordination anstrebte, was die Existenz einer kommunistischen Strömung innerhalb der Arbeiterklasse bezeugt, drängten die revolutionären Bauern bestenfalls — in Anlehnung an die historische Besonderheit des ländlichen Gemeinwesens in Russland — auf die Schaffung voneinander autonomer, sich selbst versorgender Kollektive, was ein Verschwinden der Städte und die Rückkehr zu vorkapitalistischen Produktionsverhältnissen bedeutet hätte. Keine dieser beiden Bewegungen war in der Lage, eine gesamtgesellschaftliche Reproduktion zu gewährleisten. Der bolschewistischen Partei als Staatsmacht fiel die Aufgabe zu, das wirtschaftliche Überleben in despotischer Form zu organisieren, und zwar gleichermaßen gegen Arbeiter und Bauern. Nur eine sich ausbreitende proletarische Revolution im übrigen Europa hätte diesen antikommunistischen Trend aufhalten können. Mit der Ausschaltung der Fabrikräte und der Zerschlagung der Bauernbewegung — insbesondere der von Machnow angeführten — verschwanden die radikalen Forderungen und Ziele nicht einfach; sie wurden in pervertierter Form in die sowjetische Gesellschaft integriert. Der Drang zur Sozialisierung und Veränderung des Produktionsprozesses wurde mit der Verstaatlichung der Fabriken und mit der Militarisierung und Taylorisierung der Arbeit quittiert. Es ist ein theoretischer Witz, dass die Trotzkisten, die zurecht die Ideologie des „Sozialismus in einem Lande“ verwarfen, die Vorstellung hatten, in Sowjetrussland sei nur eine „politische“ Revolution notwendig, da die Eigentumsverhältnisse bereits dem Kommunismus entsprächen. Aber es ist ein makaberer Witz, dass derjenige, der im Kampf mit der stalinistischen Bürokratie auf die Arbeiterdemokratie pochte, wenige Jahre zuvor im Gewand der obersten Autorität der Roten Armee jeden Widerstand von Bauern, Arbeitern und Soldaten in Blut ertränkt hatte. Die Erinnerung an den Kronstädter Aufstand 1921 wird jedoch ihrerseits zur Mythologie, wenn sie ausschließlich die Einforderung der Rätedemokratie gegenüber der Parteidiktatur betont, die nicht gerade revolutionäre Forderung nach „freiem“ Warentausch zwischen den Städten und dem Land dagegen ausblendet. Gleich nach der Niederschlagung des Aufstandes wurde diese ökonomische Forderung von der bolschewistischen Regierung übernommen und in Gestalt der „Neuen Ökonomischen Politik“ (NEP) realisiert. Schließlich wurde Brot für alle — von schlechter Qualität — durch die Ausdehnung des Arbeitszwangs auf alle garantiert. Der Zugang zum Land wurde durch die vom Staat forcierte Zwangskollektivierung realisiert. Der Frieden wurde knallhart als soziale Ruhe durchgesetzt. Die klassenspezifischen Interessen wurden in nationale umgemünzt. Der Klassenkampf wurde in der verkehrten Form des großen patriotischen Krieges und der antifaschistischen Ideologie gefeiert. Der internationalistische Standpunkt der Bolschewiki, vor allem während des Ersten Weltkrieges, verankerte sie im Lager der Revolutionäre. Und im Falle einer proletarischen Revolution in Westeuropa wären sie womöglich auch dort geblieben. Aber das Parteikonzept der Bolschewiki, ihr Misstrauen gegenüber einem möglichen kommunistischen Verhalten der Klasse aus der Dynamik der Klassenkämpfe heraus, verwiesen bereits vor der Revolution auf eine autoritäre Vorstellung von Kommunismus. Der platte Anti-Leninismus allerdings, der in der bolschewistischen Partei den Grund für das Scheitern der kommunistischen Revolution ausmacht, vergisst, dass auch im Falle der Bolschewiki das soziale Sein das Bewusstsein bestimmt, und merkt nicht, wie sehr er selber noch der Vorstellung einer allmächtigen Führung verhaftet ist, die die geschichtliche Entwicklung nach Belieben lenken könnte. Niemand kann sagen, was geschehen wäre, wenn die sozialen Konflikte einen anderen Verlauf genommen hätten. Aber vom historischen Resultat aus betrachtet exekutierte die Diktatur der Partei eine der Alternativen, die die inneren und äußeren Bedingungen im Jahre 1917 zuließen und die als „ursprüngliche Akkumulation“ charakterisiert werden kann: die soziale und wirtschaftliche Integration der Masse der russischen Bauern in den Weltmarkt durch Industrialisierung und Verallgemeinerung der Lohnarbeit. So bestehen die historischen Leistungen der Russischen Revolution am Ende in der orwellschen Verbrämung eines Terrorregimes als Sowjetmacht plus Elektrifizierung.

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Die Russische Revolution ist als Inbegriff der sozialen Revolution in die Mythologie der Arbeiterbewegung eingegangen. Die revolutionären Aufstände in Mitteleuropa nach dem Ende des Ersten Weltkrieges waren nicht zuletzt von der Begeisterung getragen, die sie auslöste. Deren offene Niederschlagung und die schleichende Aushöhlung emanzipatorischer Bestrebungen in Russland bedingten und verstärkten sich wechselseitig. Es blieb die augenscheinliche Paradoxie: Während im kapitalistisch entwickelten Westen proletarische Revolutionen offenbar zum Scheitern verurteilt waren und nur der Reformismus eine Zukunft zu haben schien, verfestigte sich das Bild eines erfolgreichen gewaltsamen Umsturzes in einem verhältnismäßig rückständigen Land. Wirkungsmächtig wurde die Russische Revolution vor allem als Referenzpunkt und Bedienungsanleitung für die Modernisierungsschübe der antikolonialen und antiimperialistischen Bewegungen in der Dritten Welt. Dort wurde der „Marxismus-Leninismus“ zur Ideologie des radikalen Bürgertums und der radikalen Intelligenzija. Sowjetrussland avancierte zum Prototyp der nationalen Entwicklungsprojekte der peripheren Länder im imperialistischen Zeitalter. Im Westen wurde der Rote Oktober entweder als Hoffnungsträger angebetet, was einen Teil der Arbeiter für die russische Außenpolitik instrumentalisierte, oder als Schreckgespenst gegen jedweden Gedanken einer Überwindung des Kapitalismus in Anschlag gebracht.

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Nach dem Zweiten Weltkrieg verflüchtigt sich das Selbstmissverständnis der alten staatsorientierten Arbeiterbewegung, über das Bestehende hinauszuführen. Die radikalen Strömungen wiederum sind überall zerschlagen, zerrieben und aufgesaugt. So mausetot die Arbeiterbewegung als vermeintlicher Träger einer neuen Gesellschaft ist, so mächtig ist sie als bürokratische Repräsentation des Proletariats innerhalb der bürgerlichen, in der noch einige erfolgreiche Jahrzehnte vor ihr liegen, vielleicht ihre besten, in denen sich die Regierungen des freien Westens wie ein ideeller Gesamtsozialdemokrat aufführen und die kommunistischen Parteien nur die entschiedensten Sozialdemokraten sind, Gewerkschaften zweistellige Lohnsteigerungen erstreiten und die Arbeiterkinder nicht mehr zwangsläufig in den Fabrikhallen enden, in denen ihre Väter und oft genug auch Mütter schuften. Die Soziologen rufen das Ende der Klassengesellschaft aus.

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Es ist reine Mystik, sich diesen Verlauf der Arbeiterbewegung als Werk von „Arbeiterverrätern“, als eine Geschichte von Bestechung und Abfall vom rechten Weg zurechtzulegen. Wie die deutsche Sozialdemokratie 1918/19 die Spartakisten niederkartätschte, zerschlug 1936/37 der Stalinismus die soziale Revolution in Spanien. Beide stützten sich auf Massen von loyalen Proletariern. Das Proletariat hat kein revolutionäres Wesen, das nur durch reformistische Machenschaften immer wieder daran gehindert würde, endlich mit ganzer Macht hervorzubrechen. Nur eine Bewegung der ungeheueren Mehrzahl der Lohnabhängigen kann die Gesellschaft umwälzen. Doch nur anlehnungsbedürftige Metaphysiker vergöttern darum das Proletariat als „revolutionäres Subjekt“. Wie die Proletarier kämpfen, so sind sie; und ihre Kämpfe haben sie bis heute nicht über die Klassengesellschaft hinaus, sondern immer tiefer in sie hineingeführt. Ebenso wenig erlischt mit dieser Integration die Möglichkeit der Revolution, die solcher Legende zufolge in irgendwelchen angeblich goldenen Zeiten des Liberalismus gegeben war, als zornige Arbeiter und Schlotbarone aufeinandertrafen, Kulturindustrie und Sozialstaat noch unbekannt waren. Dieser melancholisch gestimmten Verfallsgeschichte ist keine Geschichtsphilosophie des unaufhaltsamen Aufstiegs entgegenzuhalten. Der materialistische Geschichtsbegriff geht davon aus, daß es anders hätte kommen, die Klassenkämpfe einen anderen Ausgang hätten nehmen können. Aber der Blick auf die Geschichte ist zwangsläufig von deren weitern Verlauf geprägt, in dem die Dialektik von Repression und Emanzipation nicht zum Stillstand gekommen ist.

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Sarkastisch merkte einmal ein früherer Radikaler an: „Die Communarden haben sich bis zum letzten Mann erschießen lassen, damit auch Du Dir ein Philips Stereo High-End-Gerät kaufen kannst.“ Aber die Erfolgsgeschichte des Sozialstaats gründet darin, dass er einem wirklichen Bedürfnis des Proletariats entgegenkommt: dem nach einem Leben, das nicht am seidenen Faden des gelingenden Verkaufs der Arbeitskraft hängt. Der vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg folgende Ausbau des Sozialstaats und die riesigen Produktivkraftsteigerungen jener Zeit lassen den darbenden Pauper für lange Zeit von der Bildfläche Europas und Teilen Nordamerikas verschwinden und schrauben die materiellen Ansprüche der eigentumslosen Klasse in die Höhe, worüber zurzeit (in Fortsetzung einer altehrwürdigen Tradition) die Bourgeoisideologen auf allen Kanälen jammern. Wenn dieselben nun das hohe Lied des Individuums anstimmen und jede noch so kleine sozialstaatliche Leistung sogleich als Sozialismus brandmarken, der jenes Individuum angeblich liquidiere, dann unterliegen sie nicht nur dem gleichen Irrtum — allerdings mit umgekehrten Vorzeichen — wie jener Teil der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, der in der Sozialgesetzgebung bereits den Beginn des Sozialismus erblickte, sondern verkennen noch dazu, dass das moderne Individuum sich in nicht unerheblichem Maße gerade dem Staat verdankt, der die Minimalbedingungen zur freien Entfaltung des Individuums in den Grenzen der Warengesellschaft geschaffen hat. Zwar wurden Arbeitslosenunterstützung, Sozialhilfe, Krankengeld, Rente etc. eingeführt, um eine industrielle Reservearmee zwischen zwei Konjunkturzyklen bereitzuhalten, und auch, um die Klasse unter Kontrolle zu halten, sie nicht sich selbst zu überlassen, um die bürgerliche Ordnung vor Kriminalität und Revolte zu schützen. Aber es ermöglichte vielen auch ein Leben jenseits der Lohnarbeit, das nicht identisch war mit bitterster Armut. Die staatlichen Eingriffe in die Produktion, um die Arbeitsbedingungen der Proletarier zu verbessern, die Einführung von Mindestlöhnen oder die gesetzliche Begrenzung des Arbeitstages sollte vor Überausbeutung schützen, um die Reproduktion der Klasse nicht zu gefährden, welche die Kapitalisten auch in Zukunft auszubeuten gedachten. Andererseits stieg die Wahrscheinlichkeit enorm, nicht schon mit 30 Jahren, nachdem man sein Leben in der Fabrik verbracht hatte, in die Kiste zu springen, um mittlerweile im Durchschnitt sogar die 60 zu überschreiten. Der reduzierte Verschleiß eröffnete überhaupt erst die Möglichkeit, sich über seine Belange einen Kopf zu machen. Auch die allgemeine Schulpflicht wurde wegen der Bedürfnisse einer modernen Verwaltung eingeführt, damit auch jeder im letzten Winkel des Landes staatliche Erlasse lesen konnte, als freier Lohnarbeiter Verträge unterschreiben konnte und als kleiner Händler seiner Ware Arbeitskraft das Rechnen lernte. Doch konnten die Massen sich dadurch auch bilden, theoretische Schriften lesen, miteinander und über Entfernung hinweg sich kollektiv verständigen, wovon das vielfältige Zeitungswesen der alten Arbeiterbewegung beredt Zeugnis ablegt. Und schließlich wurden in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts dem proletarischen Nachwuchs in bisher unbekanntem Maße die Möglichkeit höherer Bildung eröffnet. Eine Kritik an der Integration der Klasse darf diese Aspekte nicht beiseite wischen, die auch im proletarischen Interesse liegen und oft genug nicht einfach vom Staat gewährt, sondern erstritten wurden.

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Zu den Trennungen, die der Siegeszug des Kapitalismus befestigte, gehört auch die zwischen Produktions- und Reproduktionssphäre, eine geschlechtlich codierte Trennung, die, begleitet von allerlei anthropologisch oder biologisch unterfütterten Legitimationsideologien, in Gestalt der bürgerlichen Familie zum gesellschaftlichen Leitbild wurde. Auch wenn im 19. und frühen 20. Jahrhundert die überwiegende Mehrheit ökonomisch auf den Verdienst von Frauen — und oft genug Kindern — angewiesen war, konnte sich das Ideal der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung mit männlichem Familienernährer auch im proletarischen Milieu durchsetzen. Der Universalismus, den das Bürgertum mit seinen Erklärungen der Bürger- und Menschenrechte für sich in Anspruch nahm, war, wie bereits hellsichtige zeitgenössische Kritikerinnen wie Olympe de Gouges oder Mary Woolstonecraft bemerkten, zunächst ein höchst partikularer, denn das freiheitliche menschliche Individuum, dessen Geburt man feierte, war männlich. Für diese Einsicht wurde de Gouges immerhin ein öffentlicher Auftritt gewährt — sie wurde guillotiniert. Sowohl die Bildung an öffentlichen Schulen und Universitäten, die Teilhabe am politischen Leben wie auch das Recht auf Privateigentum waren Frauen bis weit in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in den meisten Metropolenländern verwehrt und mussten erstritten werden. Die zweite Welle der Frauenbewegung, die sich seit den späten sechziger Jahren formierte, nahm neben der medizinischen Verfügung über Frauenkörper etwa in Form der Abtreibungsgesetzgebung vor allem die subtileren, privaten Formen der Frauenunterdrückung ins Visier und sorgte im Zuge ihrer fortschreitenden Institutionalisierung für Gesetze, die gerade nicht der Geschlechtergleichheit verpflichtet sind, sondern geschlechtsspezifische Delikte wie sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz oder Vergewaltigung in der Ehe justiziabel machten. Optimistisch könnte man glauben, auf dieser Basis müsse die Emanzipation der Frau zum bürgerlichen Subjekt eigentlich an ihren Abschluss gekommen sein. Die materiellen Gründe für eine Aufrechterhaltung des hierarchischen Geschlechterverhältnisses sind weitgehend obsolet: Schwangerschaften sind mittlerweile planbar und stellen somit aus der Sicht des Kapitals kein unkalkulierbares Risiko mehr dar, die individuelle Reproduktion der Arbeitskraft ist zumindest in den Metropolen auch warenförmig zu leisten. Tatsächlich ist auch die Toleranz gegenüber Lebensentwürfen, die nicht dem traditionell bürgerlichen Familienmodell entsprechen, erheblich gewachsen, doch das zuverlässig in Krisenzeiten ertönende „Heim an den Herd“-Geschrei, der demographisch motivierte Appell, Akademikerinnen sollten gefälligst mehr Kinder kriegen, wie auch ein Blick in diverse Führungsetagen belehren eines Besseren. Zwar sind heute Frauen allen Drangsalen des Daseins als Arbeitskraftbehälter ausgesetzt, doch verdienen sie im Schnitt deutlich weniger als Männer, arbeiten häufig in Teilzeit und vor allem im Dienstleistungssektor. Dessen Boom in den vergangenen Jahrzehnten ist nicht zuletzt auf eine verstärkte Kapitalisierung der Reproduktionssphäre zurückzuführen, gleichzeitig wird der überwältigende Anteil der unbezahlten Reproduktionsarbeit nach wie vor von den sprichwörtlich „doppelt belasteten“ Frauen verrichtet. Auch die Ideologieproduktion rund um die Geschlechterdifferenz und die angeblich aus ihr resultierenden Eigenschaften und Fähigkeiten ist mitnichten zum Stillstand gekommen, vielmehr erlebt die Soziobiologie, die noch jede Marotte bruchlos von den Jägern und Sammlern herleitet, eine neue Blütezeit und ist fester Bestandteil des Alltagsbewusstseins. Ob die Befreiung des Menschen von seiner Sortierung qua Chromosomensatz noch auf dem Boden der bürgerlichen Gesellschaft zu haben sein wird, ist nicht zuletzt eine Frage der Zählebigkeit dieser Ideologien.

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Der entwickelte Kapitalismus kann als klassenloser erscheinen, weil die eine Seite des Klassengegensatzes abstrakt, die andere diffus wird. Das hat Anhänger wie Verächter des Klassenkampfs ironischerweise gleichermaßen verwirrt. Letztere, die sich Wertkritiker nennen, bleiben plump auf der Oberfläche der Gesellschaft kleben, dem realen Schein der Zirkulationssphäre, in der sich tatsächlich nur unterschiedslose bürgerliche Subjekte herumtreiben. Der wertkritische Abschied vom Proletariat erhebt dessen Aussetzen als subversiver Akteur in den Rang einer unumkehrbaren historischen Gesetzmäßigkeit. Trost spendet die Aussicht auf den Jahr um Jahr von neuem unmittelbar bevorstehenden Kollaps des warenproduzierenden Systems — Amen. Einigen Sympathisanten des Klassenkampfs wiederum hat sich der objektive Begriff der Klasse in die subjektivistische Vorstellung verflüchtigt, die Klasse erschaffe sich selbst gleichsam aus dem Nichts im Akt des Kampfes; Klasse sei ein „offener Begriff“ und alles andere „soziologisch“. Ein „offener“ Begriff aber ist offenbar ein unbestimmter, also keiner. Verbreitet ist auch die abgeschwächte Auffassung, Klasse sei ein Verhältnis und darum nicht objektiv bestimmbar. Aber Verhältnis von was? Das Klassenverhältnis ist das Verhältnis von Kapital und Proletarisierten, von sich verwertendem Wert zur Arbeitskraft. Zwar ist das Kapital insofern kein „automatisches Subjekt“, als es von alleine gar nichts tut und daher immer irgendwelche mit Wille und Bewusstsein ausgestatteten Wesen braucht, also bislang Menschen, die seine Verwertung in eigenem Interesse organisieren. Aber das Kapital ist nicht zwangsläufig an die Kapitalisten gebunden. Die Bourgeoisie ist zweifellos quicklebendig und äußerst klassenbewusst, aber nicht der letzte Grund des gesellschaftlichen Übels. Alles Geld ist potenziell Kapital und wird dies auch, sobald es nicht zwecks Konsums verprasst wird, sondern in die Produktion eintritt. So sind clevere Unternehmer auf die Idee gekommen, ihre Belegschaften teilweise in Form von Aktien zu entlohnen, und nicht wenige der verteufelten „Heuschrecken“-Fonds verwerten die Rentenanlagen amerikanischer Proleten, die ihr „Geld für sich arbeiten lassen“, wie die fetischistische Umschreibung für den Umstand lautet, dass mittels dieses Geldes irgendwo fremde Arbeit kommandiert wird. Dieser gewissermaßen urdemokratische Charakter des Kapitals setzt aber eben damit voraus, was er im Weltbild der Ideologen widerlegen soll: die Existenz von Proletarisierten, von Leuten also, die ihre Haut zu Markte tragen müssen, um das Kapital durch ihre Arbeit und Mehrarbeit zu verwerten. Lebt die kapitalistische Klassengesellschaft im Unterschied zu ihren Vorgängerinnen gerade von der prinzipiellen Durchlässigkeit der Klassengrenzen, so ergeht es dem proletarischen Kleinaktionär nicht besser als den meisten Tellerwäschern. Eben dieses proletarische Dasein scheint heute nirgendwo mehr dingfest zu machen, weil es schier überall ist. Die allgemeine Durchsetzung der Lohnabhängigkeit, die sich parallel zur Auflösung des alten Arbeitermilieus vollzieht, die Bauern an den Rand der historischen Bühne drängt, erst die Angestellten, dann die Kopfarbeiter proletarisiert, bringt am Ende in den Zentren der kapitalistischen Entwicklung nicht zwei klar geschiedene Klassenlager hervor, sondern eine unüberschaubare Vielfalt von Lebenslagen; ein gefundenes Fressen für die Sozialforscher eben, die ganz froh sind, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen zu müssen. So bezeichnet Klasse hier und heute keinen kollektiven Akteur, der womöglich gar umstürzlerische Absichten im Schilde führte, sondern schlicht den weitgehend verallgemeinerten Zwang, seine Arbeitskraft ans Kapital zu verkaufen (ein Zwang, dem der Manager, wiewohl formal Lohnarbeiter, spätestens nach zwei Jahren im Aufsichtsrat nur schwerlich unterliegen dürfte). So wenig sich Wert und Mehrwert in irgendwelchen ganz bestimmten Waren verkörpern müssen, so wenig ist der Begriff der Klasse zwingend an körperliche Arbeit, ein dingliches Produkt oder den Produktionsort Fabrik gebunden. Man muss keine besonders hohe Meinung von der munter-immateriell produzierenden Multitude des Professor Negri haben, kein Freund sein des linksakademischen Schemas von Fordismus (alle Mann in der Fabrik) und Postfordismus (jeder allein am Heimcomputer), um in der Rede von der „Zentralität der Fabrik“ genau jenen verengten Klassenbegriff zu erkennen, mit dem heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist und schon gar nicht das letzte Gefecht. Die Industriearbeiterklasse ist im Weltmaßstab betrachtet so wenig verschwunden, wie der Begriff des Proletariats mit ihr zur Deckung gebracht werden könnte.

II. Die Selbstaufhebung des Proletariats

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Der Klassengegensatz ist der Gesellschaft in ihren Fundamenten eingeschrieben, ohne sie mit Notwendigkeit in die Luft zu sprengen. Die vereinzelten Arbeitskraftverkäufer machen immer wieder die Erfahrung, dass sie sich zusammenschließen und kämpfen müssen, um nicht vollkommen unter die Räder zu geraten; die Bedingungen der Ausbeutung müssen ständig neu verhandelt werden, und nur durch Assoziation können einige Arbeiter die Konkurrenz unter sich punktuell überwinden. Aber der legendäre Übergang von der „Klasse an sich“ zur „Klasse für sich“ kann nicht durch unmittelbare Interessen, nicht durch die Verallgemeinerung irgendwelcher Forderungen entstehen, denn diese bleiben immer an das Kapital gebunden und damit an das, was dem Proletariat die Zersplitterung als seinen natürlichen Zustand aufherrscht. Klassenbewusstsein bestünde nicht in der Erkenntnis, eine Klasse zu sein, sondern darin, keine mehr sein zu müssen, die Revolution nicht im Sieg der Lohnarbeiter über die Bourgeoisie, sondern in der Selbstaufhebung des Proletariats. „Die Lohnabhängigen können sich überhaupt nur zur Klasse ‚für sich’ vereinigen, um sich als Klasse aufzuheben, durch die vollständige Negation des trennenden Privateigentums, durch das Interesse, sich nicht nur der betrieblichen Produktionsmittel zu bemächtigen, sondern des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses in seiner Gesamtheit (und das heißt notwendig: auch im internationalen Maßstab).“ (Werner Imhof) Die Vergesellschaftung durch das Kapital bleibt eine widersprüchliche, weil sie die Menschen durch das, was sie verbindet, ebenso trennt. Die Wertform der Arbeitsprodukte ist nichts anderes als Ausdruck und Vermittlung des grundlegendsten Widerspruchs der bürgerlichen Gesellschaft: Die Arbeit ist gesellschaftlich, nämlich Produktion für andere, und zugleich ungesellschaftlich, nämlich in voneinander getrennten und gegeneinander produzierenden Betrieben verrichtete Arbeit, die ihre gesellschaftliche Gültigkeit erst im Austausch erfährt. Würden die Proletarier nur ihre jeweiligen Betriebe übernehmen, zwischen diesen Betrieben aber weiterhin Austauschbeziehungen aufrechterhalten, dann wäre die Produktion noch nicht wirklich gesellschaftlich geworden, und sie würden sich alle Widersprüche der Warenproduktion sozusagen selbstbestimmt aufhalsen. Emanzipation wäre nicht weniger als die Überführung des Weltmarkts in die Weltcommune, in der das Privateigentum der gemeinsamen Regelung des Lebens gewichen ist. Man sollte die Revolution allerdings nicht mit dem falschen Versprechen belasten, sie werde das Reich der Notwendigkeit in nichts als Spiel und Wohlgefallen auflösen; ebenso wenig wird es in seinem heutigen abstrakten Gegensatz zu einem von der Gestaltung der Welt entleerten Reich der Freiheit verharren. Den Zweck der Produktion überhaupt als unseren einsehen zu können, wäre der entscheidende Fortschritt. Mit dieser Herstellung vernünftiger Allgemeinheit entfiele auch die Grundlage des Staats, der nur eine falsche, repressive Allgemeinheit auf der Basis konkurrierender Privatinteressen erzwingt, oder, in den Worten eines hellsichtigen Freunds der klassenlosen Gesellschaft: „Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individueller Mensch in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verhältnissen, Gattungswesen geworden ist, erst wenn der Mensch seine eigenen Kräfte als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht.“ (Marx, Zur Judenfrage)

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Die Selbstaufhebung des Proletariats ist folglich mit seiner Diktatur unvereinbar. Jeder neuerliche Befreiungsversuch muss zweifellos mit bewaffneten Widersachern rechnen, die sich von herrschaftsfreiem Diskurs erfahrungsgemäß unbeeindruckt zeigen. Die Losung von der Diktatur des Proletariats erschöpft sich aber nicht in dieser Banalität, sondern zielt auf den Aufbau einer sozialistischen Übergangsgesellschaft. Ausgerechnet Marx war es, der, gegen Bakunin, die I. Internationale auf die Losung von der „Eroberung der politischen Macht“ durch das Proletariat verpflichtete und programmatisch vor den Kommunismus eine Übergangsphase schaltete, in der „gleich viel Arbeit in einer Form gegen gleich viel Arbeit in einer andern ausgetauscht“ (Kritik des Gothaer Programms) wird, was nur den zwingenden Zusammenhang von Warenproduktion und Staat illustriert. All das ist Geschichte. Es war die Tragik des 20. Jahrhunderts, dass die Revolution ausgerechnet dort ausbrach, wo die Bedingungen für den Kommunismus die denkbar miserabelsten waren, und sich schließlich die aus dem Scheitern der revolutionären Anläufe in Westeuropa geborene „sozialistische Übergangsgesellschaft“ nach 70 Jahren im Ergebnis als eine zum freien Markt hin erwies. Die sozialistischen Revolutionen waren bislang ausnahmslos bürgerliche, in Zonen, wo die Bourgeoisie zu schwach für diese historische Aufgabe war und man die sogenannte ursprüngliche Akkumulation allen Ernstes zu einer sozialistischen Angelegenheit erklärte. Im 21. Jahrhundert aber gibt es keine Agrarrevolutionen mehr zu machen, keine Produktivkräfte zu entwickeln, geht es nicht mehr um die Verallgemeinerung der Lohnarbeit, sondern um ihre Aufhebung. Revolutionen, die überhaupt erst die historischen Voraussetzungen des Kommunismus zu schaffen hätten, sind nur noch als isolierte in den zurückgebliebensten Winkeln der Welt vorstellbar.

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Die Eroberung der Staatsmacht wird heute allerdings meist im Namen eines ziellosen und folglich immerwährenden Stellungskrieges innerhalb der Macht-Struktur verworfen. Der antiautoritäre Geist, der darauf bestand, dass die Formen der Bewegung ihre Ziele antizipieren müssen und ergo die leninistische Avantgardepartei für den Putsch und nicht zur Selbstbefreiung der Ausgebeuteten taugt, ist zum postmodernen Ungeist verkommen, der sich an der Unbestimmtheit und Unbestimmbarkeit der Revolution erfreut. Die dogmatischen Skeptiker, die fragend voranschreiten, aber gar nicht mehr wissen wollen wohin, übersehen erstens, dass das kommunistische Ziel sich in der Kritik der Verhältnisse bestimmt; und zweitens, dass dieses Ziel, weil es weder auf politischem Wege noch über Nacht zu erreichen sein wird, nur als Bewegung der Kommunisierung vorstellbar ist, in der sich die atomisierten Lohnabhängigen zu gesellschaftlichen Individuen mausern und anfangen, ihr Leben ohne Tauschbeziehungen zu regeln. „Solange die Massenbewegungen noch klein sind und noch an der Oberfläche bleiben, solange tritt die Tendenz nach der Beherrschung aller gesellschaftlichen Kräfte nicht so deutlich in Erscheinung. Aber werden diese Bewegungen größer, dann werden auch stets neue Funktionen in den Bereich der kämpfenden Massen gezogen, ihr Wirkungsbereich dehnt sich aus. Und in dieser kämpfenden Masse vollziehen sich dann vollkommen neue Beziehungen zwischen den Menschen und dem Produktionsprozess. Es entwickelt sich eine neue ‚Ordnung’. Das sind die wesentlichen Kennzeichen der selbständigen Klassenbewegungen, und sie sind denn auch der Schrecken der Bourgeoisie.“ Der niederländische Rätekommunist Henk Canne Meijer schrieb damit 1935 das Drehbuch für den Pariser Mai 1968.

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Der Pariser Mai und der „schleichende Mai“ in Italien sind Gipfelpunkte einer neuen Welle von Klassenkämpfen, die ab 1968 die entwickelten Regionen der Welt erschüttert, und deren radikale Minderheiten wie zum Hohn auf den linken Kulturpessimismus die Selbstaufhebung des Proletariats genauer fassen als ihre Vorgänger im revolutionären Zyklus um 1917. Die theoretische und die handelnde Kritik nehmen nicht nur die zum Vorposten des Staats mutierte alte Arbeiterbewegung ins Visier, sondern gehen auch über den überlieferten Linksradikalismus hinaus. Zunächst wird dem Proletariat nicht länger die unwürdige Rolle eines Anhängsels der kapitalistischen Entwicklung zugewiesen, als das es der überlieferten Theorie zufolge seinen großen Auftritt haben sollte. Das geduldige Warten auf die Todeskrise des Kapitals weicht dem Vorhaben, diese Krise herbeizuführen. In der Absage an den alten Determinismus treffen sich die Kritik der Situationisten und der Operaisten, die ansonsten getrennte Wege gehen. Die prompte Bestätigung, die diese Auffassung durch den Gang der Ereignisse findet — denn nirgends gehen den heftigen Klassenkämpfen um 1968 Massenentlassungen, Lohnsenkungen oder sonstige Folgen einer Krise des Kapitals voraus — trifft die Sachwalter der alten Welt unerwartet und entsprechend hart. Selbst dort, wo die bürgerliche Gesellschaft ihre Vorstellung allgemeinen Glücks zu verwirklichen scheint, sich demokratisch, vollbeschäftigt und prosperierend zeigt, ist ihr die allgemeine Zustimmung der Ausgebeuteten nicht sicher. Auch die Halbherzigkeiten, mit denen der überlieferte Linksradikalismus die Selbstaufhebung des Proletariats fasste, werden nun überwunden — nicht nur der Parteikult und die Eroberung der Staatsmacht, die von den Linkskommunisten um Amadeo Bordiga ins Feld geführt wurden, auch die Selbstverwaltung der Warenproduktion, der sich die deutsch-holländischen Rätekommunisten verschrieben hatten. Denn in bester antiautoritärer Absicht hielten die Rätekommunisten der Parteidiktatur die Räteherrschaft und der zentralistischen Planung die Arbeiterselbstverwaltung entgegen, in der jedem Produzenten gemäß seiner individuellen Arbeitsleistung ein Anteil des gesamtgesellschaftlichen Produkts zuteil werden, eine Arbeitsstundenwährung das Geld ersetzen sollte. Gegen die zeitgenössischen Anhänger solcher Vorstellungen erklärt die Situationistische Internationale 1967: „Es genügt nicht, lediglich für die abstrakte Macht der Arbeiterräte zu sein, man muss ihre konkrete Bedeutung aufzeigen: die Abschaffung der Warenproduktion und folglich des Proletariats“ (Über das Elend im Studentenmilieu). Dass die Situationisten damit keineswegs allein stehen, sondern sich alle avancierten subversiven Elemente um 1968 durch diese Erkenntnis auszeichnen, weist bereits darauf hin, dass sie sich schlicht dem höheren Grad kapitalistischer Vergesellschaftung verdankt, die nun unmittelbar in den Kommunismus umschlagen kann. „Der Diebstahl an fremder Arbeitszeit, worauf der jetzige Reichtum beruht, erscheint miserable Grundlage gegen diese neuentwickelte, durch die große Industrie selbst geschaffne. Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört und muss aufhören die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert [das Maß] des Gebrauchswerts. Die Surplusarbeit der Masse hat aufgehört, Bedingung für die Entwicklung des allgemeinen Reichtums zu sein, ebenso wie die Nichtarbeit der Wenigen für die Entwicklung der allgemeinen Mächte des menschlichen Kopfes.“ (Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie)

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Vom Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen auszugehen, ist nicht ohne Grund in Verruf geraten. In seiner vulgärsten Fassung wurde dieser Widerspruch so verstanden, dass der Sieg des Sozialismus durch den technologischen Fortschritt gesetzmäßig verbürgt sei. Eine abgemilderte Variante verzichtet auf diese Siegesgewissheit, versteht aber ebenfalls den hier und heute bestehenden Produktionsapparat als Vorboten des Sozialismus, zu dessen Durchsetzung es nur eines Wechsels im Eigentumstitel bedürfe. Dagegen ging der Operaismus gerade von der massenhaften Erfahrung der Fabrikarbeiter aus, denen sich Arbeitsorganisation und Maschinerie nicht unmittelbar als Verbündete auf dem Weg zum Sozialismus zu erkennen gaben, sondern als die blanke Despotie darstellten. Die Vorstellung, unter der äußerlichen Hülle des Kapitals sei ein astreiner Produktionsapparat herangereift, übersieht, dass der Zweck der Mehrwertproduktion in Maschinerie und Arbeitsorganisation eingegangen ist. Doch anders als die heutige schwer angegrünte Linke, der jeder Hinweis auf die Potentiale des erreichten Niveaus der Naturbeherrschung bereits als Ausdruck eines Pappkameraden namens „Traditionsmarxismus“ gilt, war sich die operaistische Kritik im Klaren darüber, dass sich Produktivkraftentwicklung nicht in der konkreten Gestalt der Fabrik erschöpft und unter anderen Verhältnissen den Produzentinnen entgegenkommen könnte, statt sie zu unterjochen. So bemerkte 1969 ein Comitato Operaio di Porto Marghera, „dass die Menge der akkumulierten Wissenschaft so groß ist, dass die Arbeit sofort auf ein beiläufiges Faktum des menschlichen Lebens reduziert werden könnte, statt sie als ‚Grund der menschlichen Existenz’ zu deklarieren“.

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Im Spätkapitalismus verschärft sich der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen zudem in jener Erscheinung, die bereits der alten Arbeiterbewegung als Gegensatz von Kanonen und Butter geläufig war und 1967 von Guy Debord „tendenzieller Fall des Gebrauchswerts“ genannt wurde: Nicht nur das Innenleben der Produktionsstätten, auch ihr Ausstoß trägt mehr und mehr die Züge der verkehrten gesellschaftlichen Form. Konnte Marx noch die Industrie als „das aufgeschlagene Buch der menschlichen Wesenskräfte“ feiern, so sind mittlerweile die Produkte der Arbeit in zunehmendem Maße unmittelbar Beweisstücke gegen die Gesellschaft, die sie hervorbringt; der Anachronismus des Kapitals wird in Produkten handgreiflich, für die eine befreite Menschheit keinerlei Verwendung hätte und die der unfreien schlecht bekommen. Nie lagen Möglichkeit und Wirklichkeit so weit auseinander wie heute, wo das Gros der Proletarisierten weltweit im Elend vegetiert, während die produktiven Kapazitäten der Weltgesellschaft längst alle materielle Not überflüssig machen. Nervtötend an den gut meinenden Friedenspfaffen ist schließlich nicht ihre Feststellung, dass man für eine Atomrakete fünf Krankenhäuser bauen könnte, sondern die Naivität, mit der sie einer antagonistischen Gesellschaft menschliche Zwecke unterjubeln wollen. Für das Klassenbewusstsein bedeutet diese Entwicklung, dass das Wissen, diese Welt durch die eigene Arbeit hervorzubringen, für mehr und mehr Arbeiter nicht länger Produzentenstolz, sondern allenfalls Beschämung hervorrufen kann — oder gerechten Hass auf eine Gesellschaft, die sie zur Produktion von Müll verdammt: Darin hat die Losung vom „Kampf gegen die Arbeit“, die um 1968 zu vernehmen war, ein durchaus rationales Moment.

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Gleichwohl ist die weltweite Welle von Klassenkämpfen, die ab den späteren sechziger Jahren über die fortgeschrittenen Zentren hereinbricht, nicht revolutionsmythologisch zu einer Bewegung für die bewusste Aufhebung der alten Welt umzufälschen. Nur Minderheiten wollten dem Kapital den Garaus machen, und nur eine Minderheit dieser Minderheiten wusste, wovon sie dabei redete. Neben diesen avanciertesten Elementen krochen allerlei dubiose Gestalten aus dem Müllhaufen der Revolutionsgeschichte hervor, gaben sich Lenin und Mao, der Antiimperialismus und die Selbstverwaltung der Lohnsklaverei ihr Stelldichein, und um die Verwirrung komplett zu machen, kreuzten revolutionäre Vernunft und linke Ideologie sich oft genug zu eigenartigen Hybridwesen wie dem antiautoritären Maoismus oder auch dem leninistischen Operaismus. Der moderne Begriff der sozialen Revolution, der in den fortgeschrittensten Strömungen um 1968 aufblitzte, war nie mehr als eine schwache Tendenz in einer Zeit der großen Wirren. Die wirkliche Bewegung der Lohnabhängigen indes bestand darin, den schönen Traum, den die klassenlose Klassengesellschaft geträumt hatte, zum Platzen zu bringen, indem sie ihn buchstäblich für bare Münze nahm. Getrieben vor allem vom Hass auf die stumpfsinnige Schufterei, auf die Hetze am Fließband, auf das Dasein als Menschenmaterial der rastlosen Verwertung, wollten die Arbeiter, wenn schon nicht alles, dann doch wenigstens mehr Lohn und weniger Arbeit. Weitgehend desinteressiert am linken Kostümball strapazierten die Klassenkämpfe der siebziger Jahre den institutionalisierten Reformismus bis an seine Grenzen und warfen ihn schließlich über den Haufen. Autonomie, das Schlagwort jener Jahre, bedeutete, wild zu streiken — oder mit der Gewerkschaft, aber ohne Rücksicht auf Verluste. In den Zusammenballungen der „Arbeitermacht“, einem zweiten Schlagwort jener Jahre, in den großen Werkshallen von Detroit bis Turin, waren die Unternehmer nicht mehr Herr im Haus, wurden Fließbänder sabotiert und eigenmächtig Schichten gekürzt; auch im traditionell trade-unionistischen Vereinigten Königreich reichte es zu einer schleichenden Krise und einem Winter of Discontent, und selbst die versteinerten Verhältnisse im postfaschistischen Deutschland bekamen vor allem dank Lehrlingen, Jungarbeitern und Arbeitsmigranten einige Risse. Im gesamten Westen stehen die siebziger Jahre im Zeichen von Arbeitsverweigerung und Lohnexplosion. Die Arbeiter hatten freudig das Maßhalten verlernt, welches das Erfolgsgeheimnis des sozialdemokratischen „Goldenen Zeitalters“ nach 1945 gewesen war. Diese unerlaubte Entkopplung von Löhnen und Produktivität verschärfte eine der unvermeidbaren periodischen Krisen des Kapitals, die gerade heraufzog, während der ideelle Gesamtkapitalist unter den Sozialausgaben zu ächzen begann, die er zwecks Besänftigung der Proletarisierten in ungeahnte Höhen zu schrauben gezwungen war. Um Autonomie und Arbeitermacht war es so auch bald geschehen. Die militanten Kerne wurden frontal angegriffen, die Bastionen der Arbeitermacht automatisiert, zerlegt und verlagert. Die wachsende Arbeitslosigkeit disziplinierte die Beschäftigten, während der Staat aus der Rolle des ideellen Gesamtsozialarbeiters in die des Zuchtmeisters der Klasse schlüpfte. So beginnt in den westlichen Zentren Zyklus um Zyklus der Konterreform, die das Proletariat auf immer breiterer Front angreift. In diesem Moment offenbart sich die Schwäche der reformistischen Arbeiterbewegung, die, gänzlich abhängig von Wohl und Wehe des Klassengegners, den Rollback bestenfalls noch abzumildern vermag.

III. Zeit ohne Versprechen

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Auch wenn der Staat nun in Windeseile versucht, seine früheren Zugeständnisse und Schutzmaßnahmen rückgängig zu machen, ist das Kapital schon einen Schritt weiter: Der technische Fortschritt und der Fall des eisernen Vorhangs ermöglichen den Abzug ganzer Produktionsstädte in Dutzende dankbare Aufnahmeländer. Damit wird tendenziell jeder Arbeiter zu jedem anderen ins Konkurrenzverhältnis um den niedrigsten Lohn und die höchste Produktivität gesetzt. Wurden früher noch die Chinesischen Mauern durch die Artillerie der wohlfeilen Preise des Westens in den Grund geschossen, so scheint die goldene Sonne des Kapitals heute vom Osten her: Die neue „gelbe Gefahr“ ist nicht mehr die spießbürgerliche Phrase antikommunistischer Geostrategen, sondern eine massive Bedrohung des Lebensstandards der westlichen Arbeiterklasse durch Verlagerung der Produktion. Es sind so viele Produzenten wie nie zuvor von ihren Produktionsmitteln getrennt und damit auf den Verkauf der Arbeitskraft angewiesen, die Stupidität des Landlebens weicht der Brutalität der Landflucht. So bildet sich eine Weltarbeiterklasse heraus, deren Angehörige sich darin gleich fühlen dürfen, dass sie miteinander im weltweiten Wettbewerb um Arbeitsplätze stehen, die zwar nicht absolut, aber im Verhältnis zur Zahl der Arbeitskraftverkäufer sinken. Damit tritt die Proletarität, als Zustand der in den kapitalistischen Arbeitsprozess Eingesaugten oder von ihm Ausgespuckten, endgültig ihren weltweiten Siegeszug an, und die geographischen Grenzen von Zentrum und Peripherie beginnen zu verschwimmen. Die Unsicherheit, die in der geläufigen Rede von der „Prekarität“ als Sonderproblem erscheint, ist daher die weltweite Normalität des Proletariats. Auch die heutigen Fluchtpunkte des Kapitals, die Staatsführern wie Arbeitern den Schrecken ins Mark fahren lassen, sind morgen, wenn sich der Lohnstandard partiell gesteigert hat, schon wieder verwaistes Gebiet; Indien steht längst bereit, um die Nachfolge Polens anzutreten. Aber bald entdeckt auch das Kapital, dass es, wohin auch immer es wandert, den Klassenkampf im Gepäck mitschleppt. Nach wenigen Jahren erweisen sich die neuen Lohnarbeiter in New Delhi oder Shanghai als widerspenstige und undankbare Zeitgenossen, die die Kosten der Ausbeutung erneut nach oben treiben. In diesen Klassenkämpfen liegt die Hoffnung begründet, dass auf ein Jahrhundert der antiimperialistischen Mythologie eine neue Ära des proletarischen Internationalismus folgt.

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Die globale Universalisierung der Proletarität, verbunden mit dem ständigen rasanten Anstieg der Produktivität, erweckt aber auch ein Gespenst, welches nicht nur in Europa umgeht — das Gespenst der Arbeitslosigkeit. Zur heiligen Hetzjagd gegen dieses Gespenst haben sich tatsächlich alle politischen Mächte der alten Ordnung verbündet, während sie der Produktionsmittel besitzenden Klasse durchaus zupass kommt. Die Aussichtslosigkeit dieses Unternehmens, die sie in der Rede von der „Sockelarbeitslosigkeit“ selbst freimütig einbekennen, hindert die Staatsagenturen ebenso wenig an ihrem Versuch, die Utopie der Vollbeschäftigung in atemloser Hektik auf Erden zu zwingen, wie die Tatsache, dass schon die frühesten Überlieferungen der Menschheit die Arbeit als Fluch kennen. Was Arbeiter und Arbeitslose eint, ist die permanente Angst. In den Regionen mit bisher halbwegs gut ausgestatteten Sozialsystemen ist der Staat dabei immer noch das zentrale Objekt einer eifersüchtigen Hass-Liebe. Die argwöhnischen Zurückgewiesenen sehnen sich immer wieder nostalgisch nach dem politisch wie ökonomisch umsorgenden Patriarchen, doch dieser wischt alle Schwelgerei zur Seite und pocht auf die dem System der Lohnarbeit notwendige Disziplinierung, um so sein Programm zu verwirklichen: Ausrottung der Faulenzerei, Ausschweifung und romantischen Freiheitsduselei. Je mehr der Sozialstaat gebraucht wird, desto unmöglicher wird er, und der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit gerät zwangsläufig zum Kampf gegen die Arbeitslosen. Soweit die müden Reste der alten Arbeiterbewegung dagegen überhaupt Einspruch erheben, ist er auf Sand gebaut, nämlich auf die Akzeptanz eben jenes Systems der Lohnarbeit, dessen Kehrseite die Arbeitslosigkeit darstellt und das jedes menschliche Bedürfnis durch das Nadelöhr der Finanzierbarkeit jagt. Die dabei vollkommen vergessene und doch von jedem instinktiv gefühlte Verlockung des Müßiggangs rückt, gekoppelt mit der vagen Erkenntnis, dass dies aufgrund der Produktivitätsentwicklung auch zu machen sein wird, in das Zentrum eines anderen politischen Modells: ein bisschen für alle, und zwar vom Staat! Nach den Konzepten der Existenzgeldbewegung transformiert sich die kapitalistische Gesellschaft in eine große Wohltätigkeitsveranstaltung. Die Erkenntnis, dass Vollbeschäftigung illusionär und obendrein nicht wünschenswert ist, führt zu einer noch groteskeren Illusion: zum Traum vom Staat als Superpaternalisten, der den ihm zugrunde liegenden Zwang zur Lohnarbeit aufheben soll, indem er großzügig Geld verteilt.

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Spiegelbildlich zur Entstehung neuer Arbeiterklassen in der bisherigen Peripherie kehrt in den alten Zentren die verschwunden geglaubte Verelendung wieder. Überall wird vor allen Augen aufgeführt, was ursprünglich so definiert wurde: „Es bedingt eine der Akkumulation von Kapital entsprechende Akkumulation von Elend. Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Verkommenheit auf dem Gegenpol.“ (Marx, Das Kapital). Ließ die Abwesenheit der Wohnzonen solchen Proletariats in den Metropolen den alten Kolonialistenstolz fortleben, so galt ihre massenhafte Existenz in der Peripherie als sicheres Zeichen für deren Rückständigkeit. Beim heutigen coming home der Armenviertel wird klar, dass das eine nie ohne das andere zu haben war. So sehr der hilflose Sprech von den „unteren Schichten“ noch das klassendurchlässige Fahrstuhlmodell der „goldenen Jahre“ beizubehalten versucht, so wenig wird an diese Möglichkeit noch geglaubt: Es knirscht im Gebälk und der Lift ist nicht mehr in Betrieb. Ernüchtert durch die Abspeisungen der Vergangenheit dämmert bei den Abgehängten das Bewusstsein der eigenen Überflüssigkeit und entlädt sich in wuttrunkenen Eruptionen jenseits von nutzlosen Bittstellereien an den Staat. Die Spitze dieser Entwicklung stellten bislang die Aufstände in den französischen Banlieues dar. Der Staat steht diesem Segment des Proletariats mit seinem etablierten Instrumentarium der Repräsentation ratlos gegenüber; dann und wann hilft noch die alte Brigade der Sozialarbeiter, die sich aber immer öfter in der Rolle der Pausenclowns zwischen den Schulstunden des wirklichen Lebens wieder findet. Dabei schlägt jeder Versuch der Eingliederung schon deshalb fehl, weil der Staat in ihnen keine potenziell zu aktivierende Arbeitskraft mehr verorten könnte. Den Wütenden kann nichts mehr angeboten werden, sie eignen sich nur noch als Schreckgespenst für andere: An ihnen wird entweder das Elend der Armut oder das Gewaltmonopol des Staates zur Schau getragen. Die Schattenökonomie der Überflüssigen zeichnet sich zwar durch allerlei Erfindungsreichtum aus, verharrt aber neben der Produktion des gesellschaftlichen Reichtums. Folglich bewegen sich ihre Kämpfe, in denen sie entgegen dem Nihilismus der Normalität durchaus solidarische Verknüpfungen nach innen bilden, abseits jeder Möglichkeit, sich diese Produktion anzueignen: Das rebellierende „Gesindel“ (Sarkozy) der modernen Welt gleicht Maschinenstürmern, denen die Maschinen entrissen wurden. Damit verkörpern sie die Tendenz des Kapitals, eine gigantische Überschussbevölkerung zu erzeugen. Ein großer Teil des Weltproletariats ist von der regulären Produktion abgeschnitten und wird auch als industrielle Reservearmee nur partiell benötigt, während ein anderer bis zum Umfallen schuftet. Reformkämpfe für die Umverteilung der Arbeit, die diesen Irrsinn lindern könnten, stoßen stets an die Schranke des Kapitals, das keineswegs gewillt ist, mehr Menschen als nötig zu reproduzieren, und lieber mehr Mehrarbeit aus weniger Proleten herauspumpt. Die Zukunft der Klasse insgesamt hängt entscheidend von der Fähigkeit der Überflüssigen ab, ihre Situation zum Ausgangspunkt einer allgemeinen Bewegung zu machen. In diese Richtung weisen die Aktionen der argentinischen Piqueteros.

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Die Gewerkschaften sind durch die Frontalangriffe des Kapitals in eine offensichtliche Krise geraten, auch wenn bisher nur extremistische Liberale so weit gehen, schlichtweg ihre Abschaffung zu fordern. Zeichen dieser Krise ist nicht nur die Fülle der Niederlagen in einzelnen Kämpfen, sondern auch eine Tatsache, die an die Substanz der Gewerkschaft geht: ihr laufen die Mitglieder weg. Noch folgen der Gewerkschaft allerdings die immer kleiner werdenden Stammbelegschaften, wenn sie hier und da zum Kampf gegen Privatisierungen, Lohnsenkungen und Verlagerungen aufruft. Diese Kämpfe zielen nicht einmal auf eine Verbesserung der Lebensbedingungen ab, und bleiben mit Forderungen, die weit hinter die Standards des vergangenen Sozialstaates zurückfallen, an dem sie doch ausgerichtet sind, reine Defensivkämpfe. Besser als die Friedhofsruhe sind sie dennoch allemal: wenn sie auch nur ein verzweifeltes Aufbäumen darstellen, können sie doch im Einzelnen Kapitalinteressen durchkreuzen, und stellen vor allem eine letzte Erinnerung an die Idee dar, nicht alles kampflos hinnehmen zu müssen und eventuell Solidaritätserfahrungen zu sammeln. Wie sehr diese Kämpfe eine bloße Abwehr gegen die Angriffe des Kapitals und die drohende Verschlechterung der Lebensbedingungen darstellen, zeigt sich daran, dass das einzige Ziel meist die Verhinderung des Schlimmsten bei angekündigten Betriebsschließungen ist: Bei diesem hoffnungslosen Kampf geht es um den Erhalt des Arbeitsplatzes um jeden Preis, wofür drastischen Lohnabstrichen zugestimmt wird, um die Finanzierung von Auffangbecken oder die Höhe von Abfindungen. In der Not scharen sich die Leute um ‚ihren’ Betrieb, was in seiner Unmittelbarkeit einiges an Realismus beweist. Ohne dass sich auch in anderen Betrieben oder sonstwo eine andere gesellschaftliche Perspektive zeigt, wäre es einfach weltfremd, den Betrieb kaputtzustreiken oder eine angebotene Abfindung auszuschlagen, um sich zum Märtyrer zu machen. Dennoch: Trotz ihrer sinkenden gesellschaftlichen Bedeutung, die sich in dieser Beschränkung auf bloße Rückzugsgefechte ausdrückt, ist die Gewerkschaft noch lange kein toter Hund. Sie ist zum Teil durchaus mit Erfolg darum bemüht, durch SMS-Protestinitiativen, eifrige Transparentwedelei u.ä. Aufmerksamkeit und neuen Schwung zu erhalten. Vor allem aber kann sich sie sich nach wie vor darauf verlassen, dass sich — Mitgliederrückgang hin oder her — immer noch bedeutende Teile der Belegschaften aus Mangel an
Phantasie und Erfahrung mit anderen Kampfformen und -inhalten in ihrer Angst und Unzufriedenheit an diese alte Instanz des überholten Reformismus klammern. Um die lahme Gewerkschaftspolitik und das Fehlen außer- und antigewerkschaftlicher Kämpfe zu erklären, bedarf es also keiner Verschwörungstheorien über fiese Bürokraten. Es sind die Beschäftigten, die ihre Rolle als Arbeitskraft im Kapitalismus akzeptieren, indem sie die Lohnarbeit nicht in Frage stellen, und damit auch deren Vertretung, die Gewerkschaft. Diese ist für die Aushandlung des Preises dieser Arbeitskraft zuständig und ist um die im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung klügste Lohnpolitik bemüht. Die Ergebnisse und Kompromisse, die dabei zustande kommen und allgemein als kleineres Übel akzeptiert werden, sind das logische Resultat einer mit der Funktion der Gewerkschaft untrennbar verbundenen Unterordnung unter den kapitalistischen Sachzwang und einer Belegschaft, die es gelernt hat, sich nur noch repräsentieren zu lassen und sich jedem Beschluss bedingungslos unterordnet. Die Gewerkschaft kann nur dann ihre Funktion als Maklerin der Arbeitskraft im Kapitalismus erfüllen, wenn sie in der Lage ist, ihr Monopol auf diese Vertretung vor den Unternehmern unter Beweis zu stellen. Zu diesem Zweck muss sie einerseits ab und zu die Fähigkeit unter Beweis stellen, ihre Mitglieder zu mobilisieren und gar mit der ‚Aufkündigung des sozialen Friedens’ drohen. Andererseits muss sie aber auch ihre Unverzichtbarkeit unter Beweis stellen, wenn sich der Unmut doch einmal in eigenen Aktionsformen und -inhalten Bahn bricht. Schon im Vorfeld sorgt sie mit ihren Geschäftsordnungen, Statuten, Geldmitteln, der Presse und ihren Beamten für die Eindämmung jeder auch nur im Ansatz stattfindenden Revolte. Kommt es dennoch dazu, dann gilt es Gewerkschaftsbeschlüsse nach unten durchzusetzen, gegenüber den Streikenden als Ordnungsmacht aufzutreten und für die Wiederherstellung des sozialen Friedens zu sorgen. Auch in dieser repressiven Funktion kann sich die Gewerkschaftsführung der Unterstützung eins Großteils ihrer Basis gewiss sein.

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Die autonomen Kämpfe aber, die sich der Führung der Gewerkschaften zu entwinden versuchen, tragen entgegen einer gewissen linksradikalen Mythologie nicht per se mehr emanzipatorische Inhalte in sich. Auch sie stagnieren oft auf dem bornierten Niveau des Standorterhalts, zu dem sich selbst die Gewerkschaften bisweilen als unfähig erweisen. Denn es ist nicht die Macht der Gewerkschaften allein, welche die Kämpfe blockiert. Vielmehr ist es das Ausbleiben und die Begrenztheit der Kämpfe selbst, woraus sich die Macht der Gewerkschaft begründet. Dies ruft wiederum eine maximalistische Kritik auf den Plan, die alles, was nicht sofort auf die Revolution zielt, als Reformismus diffamiert. Doch besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen den begrenzten Kämpfen für die eine oder andere Reform zur Verbesserung des eigenen Lebens, und selbst den Kämpfen zur Abwendung einer Verschlechterung desselben, und dem Reformismus. Dieser ist eine politische Strömung, die entweder direkt auf den Erhalt des Kapitalismus zielt, indem sie dessen schlimmsten Auswüchse abmildert oder unabwendbar gewordene Forderungen in institutionelle Bahnen lenkt, oder aber tatsächlich der Illusion anhängt, man könne durch eine lange Kette allmählicher Verbesserungen diese Gesellschaft in den Sozialismus transformieren. In jedem Fall aber ist es der Staat, der dies alles bewerkstelligen soll. Der Reformismus ist politisches Stellvertretertum; er muss jede Aktivität der Basis in vorgeschriebenen Bahnen halten. Hingegen werden in jenen Kämpfen überhaupt erstmal die eigenen Interessen vertreten. Nur in ihnen entsteht die Möglichkeit, aus dem Dasein als bürgerliches Rechtsubjekt, als Verkäufer seiner Ware Arbeitskraft, herauszutreten, notwendig müssen in ihnen die Kämpfenden über ihre gemeinsamen Ziele diskutieren, ihren sonst notwendigen Egoismus überwinden. Solidarität hört auf, sozialdemokratische Sonntagsphrase zu sein. Jeder Kampf hier und heute für die Verbesserung des eigenen Lebens, der sich des Stellvertretertums erwehrt, in dem Selbsttätigkeit stattfindet, ist das Experimentierfeld der zukünftigen Gesellschaft, deren Verkehrsformen nicht erst mit der Revolution auf einmal da sind.

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Die Grenzen der Tageskämpfe dienen dem Leninismus zur Legitimation der Avantgardepartei. Als Revolutionstheorie ist er im Wesentlichen eine Theorie des Staatsstreiches, die Selbstanmaßung der Führerschaft über die bewusstlosen Massen. Sollte ihnen doch mal ein Licht aufgegangen sein, so ist es nach Lenin höchstens ein funzelig trade-unionistisches, und nicht das gleißende der Revolution. Die soziale Revolution kann aber nicht Sache einer Führung oder zentralen Leitung sein. Sie hat kein Management. Sie wäre sonst nichts weiter als die üblichen coups d‘états oder gelenkte Revolten, die in neuerlicher Unterdrückung endeten. Der Genius der Subversion muss bei der Masse derjenigen vorhanden sein, die sie durchführen; sonst ist sie keinen Pfifferling wert. Wie sollte auch eine Revolution mit dem Ziel, die Herrschaft des Menschen über den Menschen abzuschaffen, das Leben in die eigene Hand zu bekommen, gelingen, wenn sie schon beim ersten Schritt dorthin wiederum Führung, Leitung, Managements bedarf? Sie würde nur erneut in die alten Gleise der Passivität treten und die ganze alte Scheiße wiederholen. Es war in der Geschichte der ML-Sekten seit dem Ende der sechziger Jahre oft genug Eitelkeit, wenn nicht gar maßlose Selbstüberschätzung, die ambitionierte Leute auf die Idee brachte, man brauche nur eine disziplinierte Organisation, um das Fanal zum Aufstand zu setzen und ihn zu lenken. Tausendmal wurde die Partei gegründet von ebenfalls Tausend, die der neue Trotzki oder Lenin sein wollten, von Leuten, deren historische Größe mit der Zwergenhaftigkeit ihrer Grüppchen wetteiferte. Immun gegen historische Erfahrung versuchten sie, ein Konzept, das die Geschichte selbst bereits verurteilt hatte, auf die Gegenwart zu übertragen. Die Befreiung des Proletariats kann nur das Werk des Proletariats selbst sein. Es gibt aber eine Kritik des Leninismus, die arbeitertümelnd das Problem des Klassenbewusstseins überhaupt verwirft. Das Bewusstsein sei unerheblich, da es, nach einem beliebten Marx-Zitat, nicht darauf ankomme, was sich dieser oder jener Proletarier vorstelle, sondern darauf, was die Proletarier historisch zu tun gezwungen sein werden. Dieser optimistische Geschichtsdeterminismus mogelt sich darüber hinweg, dass die Proletarier nie zur Revolution gezwungen sein werden, die den Anfang vom Ende der Vorgeschichte markiert, da die Menschen in ihr beginnen, ihre Geschichte bewusst zu machen. Eben dieser „Voluntarismus“ ist das richtige Moment des Leninismus, das durch seine elitäre Parteikonzeption um seine Wahrheit gebracht wird. Es gilt die falsche Alternative von leninistischer Selbstanmaßung und arbeitertümelnder Selbstverleugnung zu überwinden. Der moderne kommunistische Standpunkt ist keiner, der äußerlich an die Klasse herantritt, er will ihr weder paternalistisch das Heil bringen, noch erwartet er es devot von ihr. Er weiß vielmehr seinen subjektiven Beweggrund zum Kommunismus objektiv zu deuten, ihn rational und systematisch in seiner Gesellschaftlichkeit zu verstehen, eine Gesellschaftlichkeit allerdings, die er vorerst nur in abstracto mit allen anderen Proletariern teilt und dessen Wissen darum unwirklich bleibt. In der Praxis muss er die Wirklichkeit und Macht, die Diesseitigkeit seiner Kritik beweisen. Ohne die kollektive Praxis des Klassenkampfes, in der die Proletarier und Kommunisten untereinander und miteinander in Kommunikation und Interaktion treten können, bleibt die kommunistische Kritik stets auf sich selbst zurückgeworfen, auf die Jenseitigkeit eines abstrakten citoyen-Standpunktes, der praktisch nicht in der Lage ist, innerhalb der Klasse Stellung zu beziehen.

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Theorie und Praxis, deren Ineinander sich in revolutionären Momenten der Geschichte andeutete, schließen sich heute in erstarrter Opposition gegenseitig aus. Dies findet einen entsprechenden Ausdruck in dem, was man die kritische oder radikale Öffentlichkeit nennen kann. Einerseits in einem Akademismus, der bei allen richtigen Teilerkenntnissen nie zur Totalität der Verhältnisse vordringen kann, da er die Bedeutung der verändernden Praxis als Mittel der Erkenntnis nicht begreift, und andererseits in einem kurzatmigen Aktivismus, der nur sich selbst und nie die Gesellschaft in Bewegung versetzt. Wer nicht begreift, kann nicht wirklich handeln, und wer nicht handeln will, wird auch nicht begreifen. Man lese nur die Druckerzeugnisse der studentischen Linken, wohne ihren gespenstischen Vortragsversammlungen bei, und man versteht auf der Stelle, woher die Feindschaft gegen Theorie ihre Nahrung bezieht, wie zum Anderen unter nicht wenigen der radikal sich gebenden Akademiker das Ressentiment vorherrscht, dass unterhalb eines Universitätsdiploms die entscheidenden Erkenntnisse über die Verhältnisse gar nicht zu haben seien. Der Aktivismus allerdings, der sich über den Akademismus erhaben dünkt, weil er ja schließlich was tut, ist nur die andere Seite dieser doktorbehüteten Missratenheit. So sehr die Anlässe, zu denen er mobilisiert, kritikwürdig sein mögen, sowenig ändert er im Grunde etwas an den Verhältnissen, die sie erst ermöglichten. Mit großem Getöse werden Kampagnen gegen Gipfeltreffen, für den Euromayday, für Existenzgeld und dergleichen lanciert und als subversiv vermarktet. Dieses gesellschaftliche Engagement unterscheidet sich im Grunde von keinem anderen politischen Handeln, und Politik ist das gesellschaftliche Handeln, das getrennt von der Gesellschaft ist. Es findet in jener höheren Sphäre statt, wo ein jeder abstrakt bereits gesellschaftliches Individuum ist, ohne sich über die jeweils konkreten Interessen der Niederungen wirklich Rechenschaft ablegen zu müssen. Nicht aus der gesellschaftlich Praxis heraus wird eine Position entwickelt, sondern dieser einfach übergestülpt. Dann gilt es, Anhänger zu gewinnen, was manchmal schon als einziger Zweck jener Kampagnen erscheint, so oft deren Inhalt wechselt. Ähnlich wie beim Warenverkauf werden Marketingtricks angewendet, um das neuste eigene Produkt unter die Massen zu bringen. Hinter symbolischen Aktionen sollen sich diese scharen. Selbst da, wo Leute zum Handeln angeregt werden sollen, sind sie nur Objekte, pädagogisch zu manipulierendes Material. Politik ist nur die äußere Vereinheitlichung getrennter bleibender Individuen zu ihnen äußerlichen Zwecken.

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In der klassenlosen Klassengesellschaft hat sich die Suche nach einem zentralen Segment der Proletarisierten erledigt. Die erhebliche Produktionsmacht, über die die Industriearbeiterklasse weiterhin verfügt, ist keine Gewähr dafür, dass ihre Kämpfe auf die zahllosen anderen Lohnabhängigen ausstrahlen und ausgeweitet werden. Weniger denn je kann es darum gehen, einen vermeintlichen Schlüsselsektor ausfindig zu machen. Folgerichtig haben die gegenwärtigen sozialen Bewegungen gegen den so genannten Neoliberalismus die Vielheit der Orte der proletarischen Realität im Auge, ohne sie allerdings noch als Momente einer Klasse zu denken; sie wird zur Vielfalt verkitscht und erhält theoretische Weihe durch die Ideologie der „Multitude“. Die richtige Erkenntnis des besagten Fehlens eines zentralen Segments und die richtige Weigerung, die Einzelnen einer Einheit unterzuordnen, mündet jedoch nur in einem neuen Konservatismus der Identitätspolitik. Nicht mehr wird die Umwälzung der Verhältnisse angestrebt, sondern lediglich eine „Welt, in der viele Welten Platz haben“. Eine Welt, in der alle bleiben, was sie heute sind: Arbeiter, Bauern, Künstler, Informatiker, Indigenas und so fort. Die Identitäten haben sich vervielfältigt, aber man hält an ihnen so eisern fest wie die Steinzeitmarxisten an der einen proletarischen. Aus der sozialistischen Affirmation der Arbeiterklasse ist die reformistische der „Multitude“ geworden, aus dem gerechten Lohn das Grundeinkommen für alle, aus dem Vaterland der Werktätigen das Recht auf universelle Staatsbürgerschaft — die postmoderne Wiederkehr von allem, was schon an der alten Arbeiterbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts faul war.

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Der moderne kommunistische Standpunkt, der das Proletariat nicht verewigen, sondern aufheben, das Geld nicht gerechter verteilen, sondern überwinden, den Staat nicht demokratisieren, sondern abschaffen will, nimmt sich neben den zahllosen linken Versuchen, diese gesellschaftlichen Formen menschenfreundlich umzufunktionieren, aberwitzig aus. Er ist aber keineswegs utopisch, da er nur die objektiven Widersprüche der Gesellschaft auszutragen sucht; einer Gesellschaft, die sich zugleich durch die totale Vergesellschaftung wie die vollständige Atomisierung der Menschen auszeichnet, die einen noch nie da gewesenen Reichtum wie unbeschreibliches Elend erzeugt; die Produkt aller ist und dennoch eigenen Gesetzen folgt und sich jeder Kontrolle entzieht. Im Unterschied zur akademischen Linken weigert sich der kommunistische Standpunkt, die wirkliche Verdinglichung in der Theorie zu wiederholen; wo verwirrte Professoren die Gesellschaft in Begriffen von „Macht“, „Struktur“, „Diskurs“ verdunkeln, sieht er nur das Werk von Menschen, bestimmte historische Formen gesellschaftlicher Praxis, die aufgehoben werden können. Die kommunistischen Kritiker der Zustände erfahren sich als getrennt von der übergroßen Mehrheit der Proletarisierten, und sie sind es zunächst auch. Diese Trennung aber zu überhöhen, indem man die Kritik der Gesellschaft zu einer ungeheuer schwierigen Angelegenheit erklärt, hieße, den von allen geteilten Erfahrungsgrund zu leugnen, aus dem die kommunistische Kritik hervorgeht; und es hieße vor allem leugnen, dass die Rechtfertigung der Verhältnisse heute mehr Anstrengung bedarf als ihre Ablehnung: Die Widersprüche der Gesellschaft, die die kritische Theorie auf den Begriff zu bringen versucht, werden von allen erfahren und von vielen insgeheim erkannt. Die Macht der Ideologie gründet weder in der vermeintlichen Undurchschaubarkeit der Verhältnisse noch in der Ignoranz der Individuen, sondern darin, dass sie das Leben unter der Herrschaft des Kapitals, die von den Einzelnen selbst zu leistende Unterdrückung der Bedürfnisse, zum unausweichlichen Schicksal rationalisiert und dadurch erträglicher macht. Weil andere Verhältnisse verstellt sind, fügt sich das Alltagsbewusstsein den bestehenden ein. Aufklärungsbemühungen, die den Leuten mit guten Argumenten auf die Sprünge helfen wollen, bleiben daher ohnmächtig. Es ist ein altes Missverständnis, Marx habe die Klassenkämpfe initiiert, gar den Kommunismus „erfunden“. Die Klassenkämpfe gingen ihrer Theorie voraus und brachten die Möglichkeit des Kommunismus zum Ausdruck, die die Theorie reflektierte und in die Kämpfe als pointierte Position zurücktrug. Auch heute müssen die Proletarisierten bereits den ersten Schritt gegangen sein, um ein Bedürfnis nach Begreifen der Verhältnisse und schließlich ihrer Überwindung zu entwickeln. Was den ohnmächtigen Vereinzelten abwegig scheint, wird denkbar, sobald die kollektive Aktion den Schein zerstört, die Verhältnisse seien unverrückbar; mitunter verwandeln sich dann Duckmäuser in Rebellen, und Leute, die nie eine Zeile Marx gelesen haben, werden auf einmal die besten Kommunistinnen. Avantgarde sind schlicht die, die im richtigen Augenblick das Richtige tun und so die Möglichkeiten, die in den versteinerten Verhältnissen liegen, ans Tageslicht bringen. Für die versprengten Unzufriedenen, die sich in tristen Zeiten in kommunistischen Zirkeln zusammenfinden und gelegentlich lange Thesen verfassen, bedeutet dies erstens, dass sie es ablehnen zu taktieren, um „Glaubwürdigkeit“ zu buhlen und sich bei irgendwem mittels „realistischer“ Programme anzubiedern, um ihre Trennung von der Masse der Lohnabhängigen zu überwinden: „Die Anpassung ans falsche Bewusstsein hat dieses noch nie verändert“ (Hans-Jürgen Krahl). Sie kennen den Unterschied zwischen dem Geschimpfe auf „die Bonzen“ und der Kritik des Lohnsystems und halten ihn für keineswegs nebensächlich. Sie halten es mit Rosa Luxemburgs Auffassung, nichts sei revolutionärer, als zu erkennen und auszusprechen, was ist. Aber sie wissen zweitens, dass eben dies kein Monolog irgendwelcher Organisationen ist, die sich zur Konservenbüchse des revolutionären Klassenbewusstseins stilisieren; der kritische Materialismus kennt keine fix und fertigen Wahrheiten, die nur noch unters Volk gebracht werden müssten. Bei aller Verschiedenheit proletarischer Lebensweisen und Überlebensstrategien weltweit ist es heute so, dass sie Verschiedenheiten innerhalb des Weltproletariats sind. Die kommunistische Kritik trägt dem Rechnung. Sie bliebe allerdings eine Chimäre, eben bloß abstrakt, rudimentär und unvollständig, ohne das Wissen und die Erfahrung der Proletarierinnen und Proletarier in der Produktion, ohne deren Produktionswissen. Die weltweite Aneignung und Revolutionierung der Produktion des materiellen Lebens hängt in letzter Instanz von diesem Wissen ab. Was die über den Globus verstreuten Kommunistinnen und Kommunisten eint, ist nicht die Zugehörigkeit zu einer formalen Organisation, gar Weltpartei. Auch die kommunistische Selbstetikettierung der Einen oder des Anderen ist unwesentlich. Entscheidend ist die Fähigkeit, die getrennten Kämpfe weltweit aufeinander zu beziehen, die darin gemachten Erfahrungen zu kommunizieren und in diesen Auseinandersetzungen die lähmenden von den vorwärtsweisenden Momenten zu scheiden, die egoistisch-lokalistisch und ständischen, von denen, die auf Ausweitung und Kommunisierung zielen. Dies macht die freie Assoziation der Kommunistinnen und Kommunisten notwendig, die sie befähigt, vor Ort das richtige für das Ganze zu tun, aus Erkenntnis, nicht aufgrund von Weisungen, eines allwissenden revolutionären Headquarters. Eine freie Assoziation, welche durch die zwanghafte des Kapitalismus erst möglich wird, aber schon in ihrem Bestehen eine Vorwegnahme der freien Menschheit ist. Diese historische Partei löst sich dann aber im klassenbewussten Proletariat auf; dem Proletariat, das für seine Selbstaufhebung bereits weltweit kämpft.