Die Abenteuer der Autonomie – Zur Kritik des Operaismus

01. Jun 2007

I. M. Zimmerwald

I

Als in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Proletarier Italiens ihre padroni zur Verzweiflung trieben, indem sie zeitweilig mehr streikten als arbeiteten und die Fabriken auf den Kopf stellten, tummelten sich unter ihnen einige Intellektuelle, die mittlerweile als Operaisten in die Annalen des Marxismus eingegangen sind und bis heute ihre Faszination ausüben. Professoren, die sich wegen staatsgefährdender Umtriebe in Knast und Exil wieder finden, sind rare Exemplare ihres Berufsstandes und müssen es mit der Waffe der Kritik sympathisch ernst gemeint haben. So wie die Anziehungskraft des Bolschewismus vom Roten Oktober, die der Situationisten vom Pariser Mai 1968 zehrt, sind es die heftigen, um 1969 ihren Gipfelpunkt erreichenden und bis weit in die siebziger Jahre brodelnden Fabrikkämpfe der italienischen Arbeiter, die dem Operaismus den guten Ruf beschert haben, in seinen Schriften fänden sich Einsichten, in seiner Praxis Methoden, die nach wie vor helfen könnten, sich gemeinsam das Kapitalverhältnis vom Hals zu schaffen.
Die Rede ist nicht von der unter dem Verlegenheitsnamen Post-Operaismus geläufigen Fraktion der heutigen Linken, die außer der Vita ihres Vordenkers Antonio Negri und einiger anderer gestrandeter Ex-Revolutionäre verblüffend wenig mit ihren vermeintlichen Vorläufern zu tun hat und treffender als Anti-Operaismus bezeichnet wäre: „Die Operaisten kritisierten den Staatsfetischismus der Arbeiterbewegung — Negri ruft regelmäßig zu Wahlen auf und empfiehlt der ‚Multitude’ den Pakt mit der europäischen Bourgeoisie gegen die USA. Die Operaisten untersuchten und kritisierten die Fabrik — Negri verklärt die ‚immaterielle Arbeit’. Die Operaisten wollten die Autonomie des Proletariats gegen die kapitalistische Produktionsweise befördern — Negri1 träumt seine Blütenträume vom Bürgergeld.“ Passend zu der steilen These, die Autonomie sei in den neuen2 Arbeitsverhältnissen verwirklicht , deuten die Post-Operaisten selbst noch die Tatsache, dass sich zahllose Proletarisierte dorthin auf den Weg machen, wo sie hoffen dürfen, ihre Arbeitskraft zu besseren Bedingungen oder überhaupt noch zu verkaufen, als „Autonomie der Migration“. Es kommt nicht mehr darauf an, die Welt zu verändern, sondern sie nach Gutdünken zu interpretieren, bis man seinen Frieden mit ihr machen kann: „Wir leben3 schon im Kommunismus.“
Über diesen Unfug kein Wort mehr. Es soll stattdessen der Frage nachgegangen werden, ob es ein Erbe des Operaismus gibt, an das heute anzuschließen wäre. Seit 2005 liegt mit Steve Wrights Buch Den Himmel stürmen eine kritische Theoriegeschichte des Operaismus vor, deren roten Faden der Begriff der4 Klassenzusammensetzung bildet, worin sie sich mit den Vorstellungen heutiger operaistischer Linker deckt. Zu zeigen ist, dass dieser Begriff entweder eine Banalität ausdrückt oder aber auf falsche Fährten führt; das gilt insbesondere für die Versuche, den Begriff der Klassenzusammensetzung gegen den des Klassenbewusstseins auszuspielen. Verwirrenderweise werden damit gerade die Bemühungen der frühen Operaisten ins Gegenteil verkehrt. Bevor daher vom „klassischen Operaismus“ die Rede sein wird, der heutigen operaistischen Linken die Blaupausen liefert, soll zunächst an die durchaus anders gearteten Gehversuche der frühen Operaisten erinnert werden.

II

Zugespitzt ließe sich sagen, dass so wie die Politik der etablierten Arbeiterbewegung 1914 zum Bruch führte und die Kommunistischen Parteien entstehen ließ, es in der Zeit des Wiederaufbaus nach 1945 ihr ökonomischer Kurs war, der eine neue Dissidenz hervor trieb, die allerdings nicht mehr die Gestalt einer parteiförmig organisierten Fraktion der Arbeiterbewegung annahm, sondern sich in einem Geflecht von Zeitschriften und wilden Streiks, kleinen Zirkeln und autonomen Betriebskomitees bewegte. Da es keine italienische Besonderheit war, dass die Organisationen der alten Arbeiterbewegung die Despotie der Fabrik nicht bekämpften, sondern stützten und mitunter gar als Vorschein sozialistischer Rationalität feierten, entwickelte sich eine operaistische Kritik avant la lettre bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Gestalt der rätekommunistisch inspirierten Zeitschrift5 Socialisme ou Barbarie in Frankreich sowie der Johnson-Forest-Tendency in den USA.
Eine geradezu klassische Verdichtung fast sämtlicher Motive des frühen Operaismus leistet die 1947 von der Johnson-Forest-Tendency publizierte Broschüre The American Worker, die den Erfahrungsbericht des jungen Fabrikarbeiters Paul Romano, sowie einen Essay der marxistischen Intellektuellen Ria Stone enthält. Ins Zentrum der Kritik rückt der Fabrikalltag, dessen eindringliche Schilderung durch Romano sich heute als Dementi von allerlei Vorstellungen liest, die über das goldene Zeitalter des sogenannten Fordismus im Umlauf sind. Als unlösbarer Widerspruch des Kapitalismus gilt der Zusammenprall zwischen der potentiellen Universalität der amerikanischen Arbeiterklasse, ihrem Bedürfnis, sich vielseitig zu betätigen und zum Herrn über die gesellschaftliche Produktion aufzuschwingen, und ihrer alltäglichen Unterwerfung unter den knechtenden Arbeitsprozess. Das Kapital braucht die Arbeiter und ihre Kooperation, aber es muss diese zugleich permanent durchkreuzen und gewissermaßen verschleiern, um seine Herrschaft aufrechtzuerhalten: „Die bürokratische Überwachung der Arbeit resultiert in Ineffizienz erheblichen Ausmaßes (…) Höhere Produktivität ließe sich auf6 anderem Wege erzielen. Die Absicht besteht vielmehr darin, den Arbeiter zu unterwerfen und zu kontrollieren.“ Als Vermittlung zwischen Arbeitern und Kapital ist die Gewerkschaft ebenfalls von einem unlösbaren Widerspruch geplagt; als juristisches Vertragssubjekt muss sie Ruhe und Ordnung im Betrieb gegen die Bedürfnisse der Produzenten durchsetzen: „Die Gewerkschaftsbürokratie ist die Vertretung der Arbeiter, aber der entfremdeten, d. h. halbqualifizierten Arbeiter. (…) Der Gewerkschaftsbürokrat setzt sich mit den Kapitalisten zusammen, um Zeitstudien und Einstufungen auszuarbeiten, nicht, weil er mit ihnen als Individuen kollaboriert, sondern weil beide7 die kapitalistische Produktionsweise repräsentieren.“ Hoffnung schien in wilden Streiks als „Revolte gegen die allgemeine Entfremdung“ zu liegen, nicht aber in der Sphäre der Politik: In Anlehnung an den jungen Marx skizziert The American Worker eine Kritik der Politik, die stets „die politische Gemeinschaft an die Stelle der wirklichen8 Gemeinschaft emanzipierter Menschen im Arbeitsprozess zu setzen versucht.“
Die moderne Fließbandproduktion, an der sich die Kritik der Johnson-Forest-Tendency entzündete, erreichte in den fünfziger Jahren die italienischen Betriebe. Kommunistische Partei (PCI) und Sozialistische Partei (PSI) aber hatten sich dem Wiederaufbau Italiens mittels „demokratischer Planung“ verschrieben und die Fabriken als Terrain des Klassenkampfs geräumt. Bei FIAT, dem seinerzeit unbestrittenen Zentrum der italienischen Industrie, werden die sozialistischen und kommunistischen Militanten herausgesäubert, junge ungelernte Arbeiter bevölkern die Fließbänder, Streiks bleiben aus. An den linken Rändern von PCI und PSI wird die Kritik am Kurs der Arbeiterbewegung lauter und findet schließlich ein Organ in der Zeitschrift Quaderni Rossi (1961-1965) um Raniero Panzieri. Ausgangspunkt ist die Weigerung, „die Arbeiterklasse von der Kapitalbewegung her zu9 bestimmen“ . Die Losung der Autonomie bezeichnete folglich eine doppelte Frontstellung: Gegen die reformistische Fiktion, die Arbeiterklasse im Schlepptau kapitalistischer Modernisierung allmählich in den Sozialismus zu befördern, wie auch gegen die revolutionär intendierte Zusammenbruchstheorie, der zufolge „der10 Übergang zum Sozialismus (…) an das automatische Eintreten der kapitalistischen ‚Katastrophe’ gebunden“ ist. Wenn orthodoxe Linkskommunisten heute dem historischen Operaismus eine „Leugnung der Wirtschaftskrise“ als Geburtsfehler attestieren, ohne auf die Dynamik des italienischen Nachkriegskapitalismus einzugehen, zeigen sie damit nur, dass ihnen die Vorstellung einer ab 1914 ausgemachten „Dekadenz“ des Kapitalismus, die den11 felsenfesten Grund für eine revolutionäre Position abgeben soll, zur fixen Idee geworden ist.
Statt einem Kapitalismus, der durchaus steigende Löhne erlaubte, eine verborgene Krisentendenz anzudichten, räumte Panzieri mit den Mythen der etablierten Arbeiterbewegung auf, die „neue Merkmale der kapitalistischen Organisation“ des Arbeitsprozesses „mit Entwicklungsstufen einer objektiven ‚Rationalität’12 verwechselt.“ Diese Schrift Über die kapitalistische Anwendung der Maschinerie im Spätkapitalismus, heute vermutlich die bekannteste des Operaismus überhaupt, deutete streng genommen lediglich einige Passagen aus dem ersten Band des Kapital vor dem Hintergrund der besagten italienischen Konstellation, um den damaligen Produktionsprozess als technologisch vermittelte Herrschaft zu entziffern; nicht aber, wie es damals Mode wurde, als Herrschaft der Technologie. Das gesellschaftliche Verhältnis schlägt sich in der materiellen Gestalt der Fabrik13 nieder — „die Produktionsverhältnisse liegen in den Produktivkräften“ — aber zugleich gilt: „Die automatische14 Fabrik begründet potentiell die Herrschaft der assoziierten Produzenten über den Arbeitsprozess.“ Nur im Rahmen dieser Überlegungen hatten die Arbeiteruntersuchungen in den Fabriken, die die frühen Operaisten durchführten, ihre Bedeutung. Das gegenwärtige Interesse am Operaismus verdankt sich in erheblichem Maße diesem Konzept, um das sich allerdings einige Mythen ranken. So gilt die Arbeiteruntersuchung heute als „praktische Alternative zum leninistischen Klasse-an-sich / Klasse-für-sich-Konzept, in dem sich immer15 eine Partei als großer Aufklärer dazwischen schieben muss“ , denn „die revolutionären Avantgarden gingen von außen in die Fabriken, freilich nicht, um ihr eigenes (leninistisches) Besserwissen hineinzutragen, sondern um den16 ArbeiterInnen ‚zuzuhören’.“ An diesen Behauptungen stimmt sehr wenig. Die Unterscheidung zwischen der „Klasse gegenüber dem Kapital“ und der „Klasse für sich selbst“ ist keine Erfindung des Leninismus, sondern von17 Marx ; sie impliziert kein elitäres Parteikonzept, da es Marx zufolge die Kämpfe der Arbeiter selbst sind, in denen diese sich ihrer Lage bewusst werden; und vor allem lag es weder den frühen Operaisten noch Marx fern, diesen Prozess durch theoretische Kritik zu fördern, auch durch Fragebögen, die eine Vermittlung zwischen den Alltagserfahrungen der Arbeiter und der Kritik der politischen Ökonomie herstellen sollten. An dem „Fragebogen für Arbeiter“, den Marx 1880 für die französische Revue Socialiste entworfen hatte, hoben die ersten Operaisten18 gerade das Bemühen hervor, die Arbeiter durch geschickte Fragen zur Analyse ihrer Situation anzuregen. Man ging davon aus, „dass allein die Arbeiter selbst in der Lage sind, die Bedingungen ihrer eigenen Ausbeutung zu beschreiben“, dies Beschreiben aber noch kein Begreifen sei und die Untersuchung daher „der Arbeiterklasse weitere theoretische Instrumente zur Einsicht in die wahre Natur des Kapitalismus und in ihre eigene Lage als19 ausgebeutete Klasse an die Hand geben“ solle. Entgegen späterer Legendenbildung misst der frühe Operaismus dem Klassenbewusstsein eine derartige Bedeutung bei, dass sich seine Schriften oftmals lesen wie die des Georg Lukács von 1923. Panzieri hielt die „Methode der Umfrage“ für einen Weg, das Bewusstsein der20 Arbeiterklasse „auf ein immer höheres Niveau zu heben.“
Allerdings — und das unterscheidet die obigen Behauptungen von Erfindungen — sollten die Untersuchungen gerade auch umgekehrt den linken Intellektuellen ein Bild von der Lage der Arbeiterklasse verschaffen und, wichtiger noch, einen gemeinsamen Organisationsprozess anstoßen. Romano Alquati, der die wichtigsten Untersuchungen bei FIAT Turin und später Olivetti leitete, bekannte rückblickend sogar, sie seien „durchaus auch21 ein Vorwand“ gewesen, um Kontakt zu Arbeitern zu bekommen. Die Hoffnung aber, die Arbeiter könnten die Untersuchung in die eigenen Hände nehmen und damit die Trennung zwischen Subjekt und Objekt der Forschung aufheben, blieb unerfüllt. „Es gab keine autonome Arbeiteruntersuchung, sondern ein widersprüchliches Verhältnis von informeller, spontaner Arbeiterautonomie an den Bändern und einigen Intellektuellen, die versuchten, diesen22 Prozess im Hinblick auf eine neue politische Organisation zu unterstützen.“
Ebenso wenig versetzte es die Operaisten in Begeisterung, dass sie in den Fabriken einen alltäglichen Widerstand der Arbeiter entdeckten. Der Klassenantagonismus in der Produktion erschien ihnen als „Dialektik, die auf der objektiven Ebene durchaus eine Dialektik des Kapitals mit sich selbst, eine endlose Fortsetzung seiner Widersprüchlichkeit bleiben kann“, da es „den lokalen antagonistischen Druck der rebellierenden Arbeiter immer23 wieder zu einem Mechanismus der Modernisierung und Verwirklichung seines Käfigs macht.“ Die frühen Operaisten setzten nicht nur wenig Hoffnung in Lohnforderungen; auch die darüber hinausschießenden „‚neuen’ Forderungen der Arbeiterklasse, die in den Arbeitskämpfen artikuliert werden, haben keinen revolutionären24 politischen Inhalt und implizieren auch keine automatische Entwicklung in diese Richtung.“
In Amerika wie Italien versuchten die frühen Operaisten somit, die Marxsche Kritik der kapitalistischen
Produktionsweise auf der Höhe ihrer Zeit durchzuführen, indem sie die Fabrik ins Visier nahmen. Gegenüber der linkskommunistischen Annahme eines Klassenbewusstseins, das im Lauf der Geschichte auftaucht und wieder verschwindet, ohne sich im Wesentlichen zu ändern — die berüchtigte „historische Invarianz“ des kommunistischen Programms, das in tristen Zeiten in der revolutionären Organisation unbeschadet aufbewahrt werden soll — fassten sie Klassenbewusstsein als das Bewusstsein der Möglichkeiten, die eine bestimmte Epoche enthält. Entscheidend war es daher, aus der Zwieschlächtigkeit des modernen Produktionsprozesses — seiner widersprüchlichen Natur als Kooperation der Arbeiter und kapitalistisches Kommando, Arbeitsprozess und Verwertungsprozess — die Möglichkeiten seiner Vergesellschaftung zu entziffern. „Allein der Angriff auf die Wurzeln der Entfremdungsprozesse, das Bewusstsein der zunehmenden ‚politischen Abhängigkeit’ vom Kapital ermöglicht eine25 wirklich allgemeine Klassenaktion.“
Die heute unter operaistischen Linken anzutreffende Vorstellung, mit der Untersuchung des unmittelbaren Produktionsprozesses erübrige sich die Frage nach dem Klassenbewusstsein, da die Fetischformen des Kapitals in der Fabrik selbst — wo die Arbeiter schließlich das Kapital produzieren — aufgelöst seien, stimmt allenfalls zur Hälfte. Die tägliche, sinnliche Erfahrung des Ausbeutungskonflikts und die Erkenntnis der bestimmten, abschaffbaren Form der gesellschaftlichen Produktion, die diesen Konflikt zwangsläufig mit sich führt, sind nicht das Gleiche; die Fabrik ist nicht der Ort, an dem die Wahrheit über die Gesellschaft offen zutage liegt, denn was in ihr geschieht, ist selbst durch den Gesamtprozess des Kapitals vermittelt. Den Quaderni Rossi galt gerade die im späteren Operaismus kassierte Unterscheidung zwischen der Arbeit als solcher und ihrer besonderen historischen Form als Lohnarbeit von größter Bedeutung, um wieder eine revolutionäre Perspektive zu gewinnen: „Heute mehr26 noch als damals erscheint den Arbeitern die Lohnarbeit in der Fabrik als ihre natürliche Lebensform.“

III

Die Geringschätzung des Klassenbewusstseins ist ein späteres Produkt des Operaismus. Hatten es die Quaderni Rossi abgelehnt, das Verhalten des Proletariats aus dem Kapital abzuleiten, so ging Mario Tronti einen entscheidenden Schritt weiter, erklärte in einer recht abenteuerlichen Philosophie die Arbeiterklasse zum 27 eigentlichen Motor der Geschichte und proklamierte, es gelte die „Entwicklungsgesetze der Arbeiterklasse“ aufzudecken. Fortan ging es nicht mehr um das Bewusstsein der Klasse, sondern ausschließlich um ihre Macht, die später der wichtigsten operaistischen Organisation Potere Operaio (1969-1973) ihren Namen geben sollte. Die Beobachtung des Klassenantagonismus in der Produktion gerann zur Theorie der Klassenzusammensetzung, die sich wiederum zu der Vorstellung verdichtete, die Klassengeschichte als Abfolge bestimmter zentraler Arbeiterfiguren schreiben zu können.
Der Begriff der Klassenzusammensetzung erschöpft sich daher nicht in der Banalität, dass das Proletariat kein homogenes Subjekt darstellt, sondern immer bunt „zusammengesetzt“ ist. Dass die Arbeiterklasse tausendfach zerklüftet ist, aus einheimischen und immigrierten, männlichen wie weiblichen, hochqualifizierten wie ungelernten Arbeitskräften besteht, ist ein alter Hut und dürfte allen Marxisten nur zu bewusst gewesen sein. Der operaistische Begriff der Klassenzusammensetzung hingegen hat sich im Laufe der Jahre zu einer veritablen Theorie ausgewachsen, die den gesamten Verlauf der kapitalistischen Geschichte zu erklären beansprucht, von der Entwicklung der Technologie über Bewusstsein und Kampfformen der Klasse bis hin zu Veränderungen des Staates. Das Verhältnis von lebendiger Arbeit und Maschinerie fasst die operaistische Terminologie als technische Zusammensetzung der Arbeiterklasse, auf deren Grundlage sich eine politische Zusammensetzung der Klasse herausbildet, was bedeutet, dass die Arbeiter den gegebenen produktiven Zusammenhang auf jeweils ganz spezifische Weise in Kämpfe umzumünzen wissen. Das kann nicht lange gut gehen und ruft daher eine technische Neuzusammensetzung der Klasse durch Umstrukturierungen der Produktion auf den Plan, die aber wiederum neue Kämpfe, die politische Neuzusammensetzung der Klasse nach sich zieht. So will es jedenfalls die Theorie.
Der historische Hintergrund dieser Vorstellung lag im Auftreten junger ungelernter Arbeiter, die trotz oder wegen ihrer Entfremdung von der alten Arbeiterbewegung zu den rebellischsten Elementen zählten und in den Fabrikkämpfen um 1969 eine erhebliche Rolle spielten. Die Operaisten tauften dieses Subjekt auf den Namen Massenarbeiter, der vom Facharbeiter scharf unterschieden wurde. Nach Potere Operaio bedurfte die kapitalistische Entwicklung an einem bestimmten Punkt „nicht nur einer neuen Struktur des Staates, sondern auch einer anderen Arbeiterklasse, die in ihrer Struktur dem Modell der amerikanischen Automobilarbeiter, den Arbeitern von Detroit, entspricht; also einer mobilen, nicht am Arbeitsplatz verwurzelten, unterschiedslosen Arbeitskraft“ — der Massenarbeiter — „die nicht an die beruflichen Werte gebunden ist und in keiner Weise danach strebt, selber die Produktion zu lenken“ — wie der alte Facharbeiter. „Für die Unternehmer geht es darum, jenen Typ kommunistischer Organisation zu zerstören, der sich gerade auf Grundlage des professionellen Charakters der Arbeit und der Bindung an die beruflichen Werte in den Fabriken gebildet hatte — das heißt, es geht darum, einen Typ von Struktur der Arbeiterklasse zu zerstören, der auf die Leitung abzielte, der als Ziel die Leitung der Fabrik28 und der Produktion hatte.“
Ob die Fließbänder immer und überall als politischer Schachzug zur Bezwingung der Facharbeiter eingeführt wurden oder sich in dieser Vorstellung eher die verschwörungstheoretische Schlagseite eines bestimmten Operaismus offenbart, ist hier nicht entscheidend. Schwerer wiegt, dass der klassische Operaismus meinte, im Unterschied bestimmter Arbeiterfiguren den Schlüssel gefunden zu haben, um den Verlauf der Klassenkämpfe erklären zu können. So galt die Rätebewegung um 1918 bald als eine der Facharbeiter und das für die frühen Operaisten verbindliche Ziel der Aneignung der Produktion durch die Produzenten kurzerhand als „Produktivismus“. Das Scheitern der Räte wurde darauf zurückgeführt, dass ihnen durch die anlaufende Rationalisierung der Produktion die Basis entzogen worden sei, und die Gegensätze zwischen Lenin und Luxemburg fanden im Geiste einer mechanischen Wissenssoziologie ihren letzten Grund in der unterschiedlichen29 Klassenzusammensetzung Russlands und Deutschlands.30
Umgekehrt wurde der Massenarbeiter zu einer „rauen heidnischen Rasse“ stilisiert, aus dessen Forderung nach mehr Lohn und weniger Arbeit ein systemsprengender Hass auf das Fabriksystem spreche. Als seine historische Avantgarde galten die militanten Streiks in der US-Industrie der dreißiger Jahre, in denen mit dem CIO eine Organisation der Massenarbeiter neben der beruflich-ständischen AFL die Bühne betrat. Sozialhistorisch ist diese Verschiebung unbestreitbar, revolutionstheoretisch hingegen, wie Paul Mattick, ein seit 1926 in den USA lebender deutscher Rätekommunist, bemerkte, äußerst dubios: „Auch die ‚Massenarbeiter’ haben bisher den gewerkschaftlichen Charakter ihrer Aktionen nicht durchbrochen und haben sich, wo sie seit langem existieren, Industrieverbände geschaffen, die nicht weniger mit dem kapitalistischen System verwachsen sind als die traditionellen Arbeiterorganisationen. Man braucht nur an die großen Industrieverbände der amerikanischen Massenproduktion zu denken, um sofort einzusehen, dass die … an den ‚Massenarbeiter’ geknüpften Erwartungen31 genauso illusionistisch sind wie die, die sich einst auf die Facharbeiter bezogen.“
Die nicht ausschließlich, aber maßgeblich von Massenarbeitern getragenen Fabrikkämpfe in Italien 1969 ff. hatten wenig mit den Tarifritualen eines DGB zu tun, attackierten mit egalitärer Stoßrichtung Qualifikationsstufen und Lohngruppen und waren über weite Strecken von autonomer Selbstorganisation getragen. Ihre revolutionstheoretische Aufladung aber blieb fragwürdig, und die Operaisten fielen folglich immer wieder auf leninistische Avantgardekonzepte zurück, kehrten heim in den Schoß der Kommunistischen Partei oder versuchten die „Partei der bewaffneten Insurrektion“ aufzubauen.
Die Gegenüberstellung des „produktivistischen“ Facharbeiters und des gegen „die“ Arbeit rebellierenden Massenarbeiters — dessen kompromisslose Lohnkämpfe nun als Königsweg zur Revolution galten — war ein Rückschritt gegenüber den Quaderni Rossi und auch gegenüber dem Befund von The American Worker, wonach gerade die ihrer Arbeit entfremdeten halbqualifizierten Arbeiter der modernen US-Industrie das Bedürfnis nach einer anderen produktiven Betätigung verspürten. Das operaistische Schema erinnert demgegenüber an Lenins moralische Verurteilung besser gestellter Schichten des Proletariats als „Arbeiteraristokratie.“ Doch „die Facharbeiter, die über mehr Zeit, Geld und Ausbildung verfügen, haben in der Geschichte der Klassenkämpfe mit ihrem Los zufriedene Wähler abgegeben, aber häufig auch extremistische Revolutionäre, im Spartakus wie in der32 iberischen Anarchistenförderation.“
Die Theorie der Klassenzusammensetzung lebt aber gerade von dem vulgärmaterialistischen Versprechen, aus der konkreten Gestalt der Fabrik das Klassenverhalten erklären zu können. Diese Vorstellung wurde brüchig, als Inflation, Umstrukturierungen und Massenentlassungen die Massenarbeiter in die Defensive brachten und gleichzeitig jenseits der Großfabriken neue Kämpfe aufflammten, die auf keinen gemeinsamen Nenner zu bringen waren. Toni Negri fasste diese Kämpfe in der griffigen Formel „gesellschaftlicher Arbeiter“ zusammen, der den Massenarbeiter als zentrales Subjekt abgelöst habe. Im Rückblick betrachtet scheint in dieser These einiges von der aktuellen Ideologie der „Multitude“ in embryonaler Gestalt enthalten, dennoch bestand ihr Fehler anfangs allein darin, in jenem starren Korsett der Klassenzusammensetzungstheorie aufzutreten, das sie de facto — und glücklicherweise — bereits gesprengt hatte. Orthodoxe Operaisten konnten dies mit Grund bemängeln: Der Massenarbeiter wurde demnach „materiell homogenisiert (…) durch eine bestimmte Beziehung zur kapitalistischen Technologie (dem Fließband) und einem daraus folgenden politischen Verhalten: Forderung nach Lohn als Einkommen, Verweigerung der Arbeit, Sabotage.“ Hingegen sei beim gesellschaftlichen Arbeiter „keine materielle Homogenität zu sehen, die die neue Klassenzusammensetzung (…) von innen her stützt. Ihre physischen Bestandteile scheinen weder an materielle Ausbeutungsbedingungen noch an unmittelbare politische Ziele gebunden. Sie schließt eine Pluralität von Teilen der Klasse ein, die oft sehr weit entfernt voneinander sind: dezentralisierte Arbeiter, junge, arbeitslose Proletarier, Marginalisierte aus den proletarischen Stadtvierteln, Hausfrauen, Frauen, wohnungslose Studenten, unterbeschäftigte Intellektuelle (...) kurz und gut: Subjekte mit völlig33 autonomen unmittelbaren Motivationen.“
Wenn das politische Verhalten aus der Maschine „folgt“, verkehrt sich der Begriff der Subjektivität in sein Gegenteil und bezeichnet nicht mehr als ein Bündel pawlowscher Reflexe. Die „Beziehung der Körper zu den34 Arbeitsinstrumenten“ kann nicht deterministisch gefasst werden, weil zum menschlichen Körper wesentlich der Kopf obendrauf gehört. Doch dem späteren Operaismus gilt der Begriff der Klassenzusammensetzung eben als „materialistischer Ansatz, der das Konzept ‚Klassenbewusstsein’ ersetzt, das von außen in die Klasse getragen35 werden muss“. Die Anspielung auf Lenins krude Parteitheorie dient nur dazu, den Begriff des Klassenbewusstseins überhaupt loszuwerden. Wenn noch von Bewusstsein die Rede ist, wird es direkt aus der Gestalt der Werkshallen abgeleitet: „Das in den Kämpfen entstehende ‚Bewusstsein’ hängt aber ebenfalls vom materiellen Verhältnis der ProduzentInnen untereinander und zu den Produktionsmitteln ab. (…) Ob ArbeiterInnen die Ausbeutung bloß gewerkschaftlich als individuellen Raub durch einen Chef oder als ungleiche Verteilung begreifen oder politisch als ein gesellschaftliches Produktionsverhältnis mit eigenen Gesetzen, hängt von den Bedingungen ab, unter denen sie arbeiten müssen. Es ist keine Frage des ‚falschen Bewusstseins’, wie es die LeninistInnen behaupten, sondern die Frage, in wie weit die Ausbeutung nicht nur formal kapitalistisch36 (Lohnarbeit), sondern auch materiell/inhaltlich (Maschinerie, hierarchische Arbeitsteilung etc.) abläuft.“ Diesem mechanischen Materialismus ist Bewusstsein nur passive Widerspiegelung des Materiellen, das konkret-dinglich auf die Gestalt der Fabrik reduziert wird. Die Banalität, dass jeweils ganz bestimmte Ausbeutungsbedingungen auch die Kämpfe der Proletarisierten prägen, eine zerstreute Arbeitskraft auf andere Organisationsformen angewiesen ist als eine im Großbetrieb konzentrierte, dient dazu, kurzerhand die Frage zu eskamotieren, wie diese Kämpfe über die bestehenden Verhältnisse hinausgehen könnten. Erste Voraussetzung dafür wäre gerade, dass die unterschiedlichen Segmente des Proletariats an ihrer besonderen Lage das Allgemeine erkennen und sich aufeinander beziehen. Damit aber ist die Vorstellung, in den Besonderheiten dieses oder jenes Betriebs läge der Schlüssel, um Kämpfe zu begreifen und über sich hinauszutreiben, außer Kurs gesetzt. IV Dass es heute nicht mehr die zentrale Arbeiterfigur gibt — wenn es sie überhaupt je gab — gilt auch in weiten Kreisen der operaistischen Linken als offenkundig. Aber es ist weiterhin die Macht, genauer, die aus der technischen Zusammensetzung der Klasse erwachsende Produktionsmacht bestimmter Arbeiter, die als Schlüssel zum revolutionären Prozess gilt: „Grundlage für Entstehung, Inhalt und Perspektive von ArbeiterInnenkämpfen ist die Frage, ob sie eine Macht gegenüber dem Kapital entwickeln können. Das hängt von verschiedenen Bedingungen ab: z.B. ob sich die ArbeiterInnen an Punkten konzentrieren, die für den Produktions- und Akkumulationsprozeß von besonderer Bedeutung sind.[…] Ob sich Kämpfe ausweiten, hängt zwar auch von der ‚Spontaneität’, der gesellschaftlichen Stimmung und dem Zufall ab. Für eine politische Strategie ist aber die materielle Grundlage wichtig: In welchem Verhältnis steht der einzelne Kampf zur gesellschaftlichen37 Produktion?“ Der Leninismus, den man irrtümlicherweise mitsamt dem Begriff des Klassenbewusstseins hinausgeworfen zu haben meint, kehrt im Gegensatz von strategisch agierenden Revolutionären und bloß spontanem Klassenkampf wieder; die Proletarisierten werden säuberlich voneinander getrennt und auf ihre mögliche Zentralität inspiziert. Spontaneität und gesellschaftliche Stimmung sind bedeutungslos, entscheidend hingegen die vermeintlich harten Gegebenheiten der gesellschaftlichen Arbeitsteilung.
Neue Nahrung bekam diese Sicht der Dinge kürzlich durch Beverly Silvers Studie Forces of Labor, die den
Einfluss der Arbeiterkämpfe auf die globale Entwicklung von 1870 bis in die Gegenwart nachzeichnet und auf diese Weise, wie die Herausgeber der deutschen Ausgabe betonen, in die Fußstapfen der operaistischen Theorie38 tritt. Silver verzichtet auf jede revolutionstheoretische Stilisierung der Lohnkämpfe, wobei die Kehrseite dieser Nüchternheit darin liegt, dass die Frage nach der Aufhebung des Kapitals überhaupt nicht mehr gestellt wird. In einem Text über „ArbeiterInnenmacht und die Zukunft des Operaismus“ wird an Silvers Darstellung positiv hervorgehoben: „Es ist nicht allein die Kapitalkonzentration, auf der die Macht der ‚kollektiven Arbeiterin’ im Sinne einer sozialen und politischen Zusammenballung basiert, sondern vielmehr das steigende Störpotenzial von ArbeiterInnenaktionen. Aus der Struktur und Organisation der jeweiligen Produktionsprozesse wird diese Macht entwickelt: zum einen aus der engeren Verkettung verschiedener Produktionsabschnitte, zum anderen aus der39 steigenden Bedeutung und Verwundbarkeit des fixen Kapitals“. Recht nah am triumphalistischen Sound des klassischen Operaismus erklären die Herausgeber von Forces of Labor: „Die Arbeiterkämpfe jagen das Kapital um den ganzen Erdball und von einem Produkt zum nächsten. Und die Gestalt der globalen Weltordnung wurde mit40 jedem neuen Zyklus von hegemonialer Macht stärker durch den Druck von unten geprägt.“
Es ist sicherlich ein Verdienst des Buches, das Bild einer schlichten Abwärtsspirale von Löhnen und Arbeitsbedingungen in der globalen Standortkonkurrenz gerade zu rücken; aller Flucht in die Finanzsphäre zum[XXX]
Trotz muss sich das Kapital irgendwo in der Produktion materialisieren und bekommt daher früher oder später mit der lebendigen Arbeit zu tun. Ganz abgesehen davon, dass es dort, wo das Kapital, wenn man so will, verjagt wurde, auch um die Produktionsmacht der von Betriebsschließungen betroffenen Arbeiter geschehen ist, stellt Silver aber ausdrücklich eine gegenwärtige Schwächung der Arbeitermacht fest, insbesondere der41 Produktionsmacht. Gerade in neuen Wachstumsbranchen seien die Arbeiter mehr und mehr auf eine Organisation ihrer Kämpfe angewiesen, die über den Betrieb hinausreicht und andere Lohnabhängige mobilisiert.
Ob sich diese Tendenz künftig verlängern wird oder nicht, ist eine müßige Frage; Silvers Mutmaßungen über mögliche zukünftige Orte der Klassenbildung ist daher weder zuzustimmen noch zu widersprechen. Viel wichtiger ist die Frage, ob in den von ihr beschriebenen Arbeiterkämpfen tatsächlich „eben jener Entfremdungsprozess brüchig wird, der die gesellschaftlichen Potenzen der lebendigen Arbeit ständig zur Herrschaft der vergangenen42 Arbeit, also des Kapitals über die individuellen ArbeiterInnen verkehrt“. Jeder Streik demoliert den Kapitalfetisch, indem er an die Abhängigkeit der Verwertung von der Arbeit erinnert. Aber er untergräbt nicht notwendig die Abtrennung des Arbeitsvermögens von den gegenständlichen Bedingungen seiner Verwirklichung, sondern unterbricht die Produktion zeitweilig, um sie unter für die Arbeiter günstigeren Bedingungen wieder aufzunehmen. Wie weit in solchen Kämpfen Momente liegen, die darüber hinaus weisen, ist nicht anhand der Verwundbarkeit des capital fixe o. ä. zu entscheiden. Andernfalls würde man tun, was die Quaderni Rossi gerade hinter sich lassen wollten: die proletarische Emanzipation an die kapitalistische Entwicklung binden. Autonomie meinte das Gegenteil und war daher von revolutionärem Klassenbewusstsein untrennbar. Es führt kein gerader Weg von der Produktionsmacht, der technisch bedingten Durchsetzungskraft gegenüber dem Klassengegner, zur Fähigkeit, in freier Assoziation zu produzieren.
Wie fragwürdig es geworden ist, den Verlauf der Arbeiterkämpfe vor der Folie der Produktionsmacht zu deuten, lässt sich en detail an dem wilden Streik nachvollziehen, mit dem sich die Belegschaft von Opel Bochum im Herbst 2004 gegen drohende Massenentlassungen zu wehren versuchte. Das Interesse der operaistischen Analyse des Streiks galt vor allem der unmittelbaren Macht der Arbeiter: „Der Diskussion um die ‚Soziale Frage’43 fehlt die Ahnung von der Macht, die fähig ist, die sozialen Verhältnisse umzuwälzen“. Klassisch operaistisch wurde sogar die angekündigte Entlassungswelle als „politische Entscheidung, der seit Jahren widerspenstigen44 Belegschaft das Wasser abzudrehen“ , gedeutet, was einmal dahingestellt sei. Der Verlauf des Streiks erscheint als Angelegenheit von Technik und Manipulation: Die Arbeiter unterbrachen den Streik, „als er seine volle Macht entfaltete und die internationale Verbundproduktion ins Stocken geriet. Seine Grenze war, dass es nirgendwo anders zu Streiks gekommen war, deshalb konnte eine intrigante Gewerkschaft den Zaun drum rum schließen und eine Masse Geld das Feuer löschen. Diese Einkreisung durch Gewerkschaft und Geld (Arbeiterverräter und Abfindungen) hätten die Opel-ArbeiterInnen nur durchbrechen können, wenn es an anderen Orten zu Streiks45 gekommen wäre.“
Obwohl die Produktionsmacht der Opel-Arbeiter zu Tage trat, fand der Streik also ein abruptes Ende. Es hätte praktischer Solidarität bedurft, was unmittelbar die Frage nach der gesellschaftlichen Bedeutung des Streiks aufwirft. Anstatt sich mit diesem Problem zu befassen, endet die operaistische Analyse mit dem optimistischen Ausblick, dass sich, da der Autokonzern weiterhin auf „die Strategie des Produktionsverbunds“ angewiesen sei, „an anderen Orten ‚zentrale’ Arbeiten konzentrieren[würden] . Die Frage ist, wie lange es dauern wird, bis die dortigen46 Arbeiter ihre Macht erkennen und einsetzen werden.“ Man kann getrost unterstellen, dass alle Arbeiter eine grobe Vorstellung davon haben, welchen Hebel sie umlegen, welche Werkshalle sie dichtmachen müssen, um die Produktion möglichst weitreichend zum Stillstand zu bringen. Zu fragen wäre eher, warum sie es nicht tun. Am technisch-deterministischen Blickwinkel, der die Zukunft der Klassenkämpfe an die Machtpotentiale kleiner Kerne der Proletarisierten kettet, wird festgehalten, obwohl er sich gerade bei Opel als schief erwiesen hat.
Nur ganz am Rande taucht dagegen das defensive Anliegen des Streiks auf. Während die linke Opel-Betriebsgruppe Gegenwehr ohne Grenzen gegen jede Mythenbildung betonte, es habe sich um einen Streik „für47 den Status Quo“ gehandelt, entdeckte die operaistische Deutung in ihm prompt ein Anzeichen für eine „neue48 ArbeiterInnenautonomie“. Was einmal die Versuche der Proletarier bezeichnen sollte, über die Verhältnisse hinauszugehen, schrumpft zusammen auf außergewerkschaftliche Aktion. Als habe man eine solche Verflachung des Begriffs der Autonomie befürchtet, bemerkte Potere Operaio 1971 vor dem Hintergrund der anlaufenden Massenentlassungen in der italienischen Industrie: „Wenn der Angriff der Unternehmer und die Erpressung am Arbeitsplatz die Arbeiterspontaneität auf ein Bitten und Verlangen nach Arbeit reduzieren, wenn sie den Arbeiterkampf darauf reduzieren, dass man verlangt, ausgebeutet zu werden und die Stellung eines Ausgebeuteten zu erhalten, verlagert sich entweder das Kampfterrain vollkommen, oder es kommt zur49 Klassenniederlage.“ Was immer man von den Vorschlägen der Gruppe für die Verlagerung des Kampfterrains hält, die Feststellung, dass ein Kampf für Arbeitsplatzerhalt nicht Autonomie, sondern knallharte Abhängigkeit der Proletarier ausdrückt, sollte selbstverständlich sein.
Das macht solche Auseinandersetzungen weder unwichtig noch gar falsch. Aber der Inhalt des Kampfs bestimmt seine Grenze, worüber die Begeisterung über die Selbstorganisation des Streiks nicht hinwegtäuschen sollte. Andernfalls ist man zu dem Kunstgriff gezwungen, alles der Gewerkschaft als vermeintlichem „Arbeiterverräter“ in die Schuhe zu schieben und in einem Höhepunkt des Anti-Materialismus sogar das Geld zu einer Sache erklären, die dem Klassenkampf äußerlich ist und erst als Feuerwehr herangekarrt werden muss, um die „neue ArbeiterInnenautonomie“ platt zu machen. Diese Verschwörungstheorie bringt es mit sich, die Arbeiter — die mehrheitlich für das Ende des Streiks stimmten — de facto zu Trotteln zu erklären, die sich hätten „verraten“ und durch den schnöden Mammon von ihrem autonomen „Feuer“ weglocken lassen. Auch in dieser Hinsicht waren die linken Betriebsaktivisten von Gegenwehr ohne Grenzen nüchterner. In ihrer Betriebszeitung haben sie nach dem Streik genau das getan, was dem klassischen Operaismus als leninistische Schrulle gilt: Im Bewusstsein die Schranke des Streiks erkannt. „Wer gegen drohende Lohnarbeitslosigkeit kämpft, die Lohnabhängigkeit und die damit verbundenen Produktionsverhältnisse aber akzeptiert, hat die Denkverbote schon im eigenen Kopf. Die Perspektiven des Kampfes sind von vornherein sehr eingeschränkt und eine Vernunft schon verankert, die die Niederlage akzeptiert und die Menschen beugt. (…) Eine Perspektive für die Zukunft entsteht nur dann, wenn die Erkenntnis sich breit macht, dass das System der Lohnarbeit selbst die Ursache von Arbeitslosigkeit und existenzieller Unsicherheit ist. Wer die bestehende Ordnung akzeptiert, darf sich über deren Folgen nicht50 wundern.“

V

Es gibt Bemühungen, die Klassenzusammensetzungstheorie vom technischen Determinismus zu befreien, aber solche Rettungsversuche befördern sie unwillentlich ins Jenseits. Mustergültig führt dies Steve Wright am Ende seiner Geschichte des Operaismus vor, wenn er die Frage zu beantworten versucht, was mit alldem anzufangen wäre. Die ständige Beschäftigung der Operaisten mit der technischen Zusammensetzung der Arbeitskraft sei „eher als einseitig zu bezeichnen und nicht als rundweg falsch“, es gelte folglich ebenso „Geschlecht, Alter, race, Sprache, Schulbildung, vergangene Kämpfe und Niederlagen“ zu untersuchen. „Mehr über die Arbeiter Turins zu wissen, mehr über die unterdrückten Klassen im Allgemeinen zu wissen, ist keine nebensächliche Aufgabe. Es ist51 die politische und kulturelle Aufgabe für jede Linke, die den Namen verdient“ , zitiert Wright am Ende seines Buches zustimmend einen alten Operaisten. So wertvoll das Buch als Beitrag zum historischen Gedächtnis ist, außer einer ziellosen Multifaktorenanalyse, einem vagen Ethos der Untersuchung weiß es mit dem Erbe des Operaismus nichts anzufangen. Das mag im Land des studentischen Klugscheißermarxismus, der „die Arbeiter“ entweder als „Arschlöcher von Staat und Kapital“ (GegenStandpunkt) oder gleich als rassistisches Gesindel verachtet, nicht verkehrt sein, als Richtschnur für subversive Theorie und Praxis ist es allemal zu dürftig.
Zu retten wäre vielmehr der Versuch der frühen Operaisten, die zwieschlächtige Natur des kapitalistischen Produktionsprozesses als zugleich Arbeits- und Verwertungsprozess nicht nur abstrakt festzuhalten, sondern konkret zu untersuchen, aber nicht, um das Verhalten der Klasse besser „zu erklären“ oder gar das morgen möglicherweise zentrale Subjekt zu entdecken, das endlich den Karren aus dem Dreck zieht. Es ginge schlicht und bescheiden um eine Selbstanalyse der Gesamtarbeiterin, die ihrer miserablen kapitalistischen Verfasstheit inne wird und an dieser zugleich der Möglichkeiten, die der heutige Stand der Vergesellschaftung einer künftigen Commune eröffnet. Denn die Theorie der Klassenzusammensetzung ablehnen heißt nicht, die Revolution zu einem reinen Willensakt zu machen und das Bewusstsein von den konkreten historischen Bedingungen, der Arbeitsteilung, Technologie und dergleichen abzulösen; so wie auch die Einsicht, dass die heutigen Möglichkeiten der Emanzipation sich nicht in einzelnen Segmenten des Proletariats konzentrieren, keineswegs bedeutet, der kritischen Erforschung der Welt der Ausbeutung ihren Sinn abzusprechen. Im Gegenteil fällt heute auf, dass in der Linken unentwegt von einer nebulösen „Biopolitik“ die Rede ist, aber niemand die Umstrukturierung des Gesundheitswesens untersucht, die Patienten wie Pflegekräfte immer ungemilderter dem Terror der Rentabilität unterwirft und jener „affektiven Arbeit“, auf welche die Post-Operaisten Loblieder trällern, mehr und mehr Züge des Fließbandsystems aufprägt; so wie sich auch kaum jemand an den infamen Versuchen zu stören scheint, die Proletarisierung der Kopfarbeiter zur Geburt einer glamourösen „digitalen Bohème“ umzulügen, vielmehr die Scharlatane, die dies tun, gern gesehene Gäste auf Veranstaltungen des „Euromayday“ sind.
Ob solche Untersuchungen zugleich als Mittel taugen, Kämpfe auf den Weg zu bringen, scheint fraglich;
vermutlich sollten sie sich von diesem Anspruch befreien und sich zunächst auf die schonungslose Kritik der gesellschaftlichen Fabrik konzentrieren. In jedem Fall wäre die Vorstellung aufzugeben, „kommunistische52 Tendenzen“ aufspüren zu können, wie ein Ziel der Call-Center-Untersuchung von Kolinko lautete. Der Kommunismus lässt sich nicht durch Forschungsarbeit in einzelnen Betrieben aufdecken. Er wäre gerade die Bewegung, die die Schranken zwischen den verschiedenen Produktionsstätten niederreißt.

  • 1. I. M. Zimmerwald, Ein „Ansatz“ kommt selten allein, Trend-Online 9/2006. Diese Polemik richtet sich gegen das konfuse Einführungsbuch (Post-)Operaismus von Martin Birkner und Robert Foltin (Stuttgart 2006), das die postoperaistische Ideologie als legitime Erbin der operaistischen Kritik feiert.
  • 2. Vgl. dazu Warten auf die immaterielle Arbeiterbewegung, in diesem Heft.
  • 3. Toni Negri, Verlangt das Unmögliche, mit weniger geben wir uns nicht zufrieden, Interview in Die Beute, Nr. 12/1996.
  • 4. Steve Wright, Den Himmel stürmen. Eine Theoriegeschichte des Operaismus, Berlin/Hamburg 2005.
  • 5. Claude Lefort von Socialisme ou Barbarie inspirierte vor allem den operaistischen Untersuchungsgedanken mit seinem Vorschlag, témoignages (Zeugnisse, Berichte) von Arbeitern zu sammeln und zu publizieren. Vgl. Claude Lefort, L’experience proletarienne[1952] , in: Critique de la Bureaucratie, Paris 1977.
  • 6. Paul Romano/Ria Stone, The American Worker[1947] , Detroit 1972. S.12.
  • 7. Ebd., S. 67.
  • 8. Ebd., S. 65.
  • 9. Raniero Panzieri, Sozialistischer Gebrauch des Arbeiterfragebogens, in: Claudio Pozzoli (Hg.), Spätkapitalismus und Klassenkampf, Frankfurt/M. 1972, S. 107.
  • 10. Raniero Panzieri, Sieben Thesen zur Frage der Arbeiterkontrolle, in: Archiv für die Geschichte des Widerstands und der Arbeit Nr. 10/1989, S. 175.
  • 11. Vgl. Internationale Kommunistische Strömung (IKS), Der Operaismus: Eine ökonomistische und soziologische Betrachtungsweise des Proletariats, Teil 1, Weltrevolution Nr. 141/2007.
  • 12. Raniero Panzieri, Über die kapitalistische Anwendung der Maschinerie im Spätkapitalismus, in: Pozzoli, a. a. O., S. 18.
  • 13. Raniero Panzieri, Mehrwert und Planung, in: Pozzoli, a. a. O., S. 69.
  • 14. Raniero Panzieri, Über die kapitalistische Anwendung…, S. 16.
  • 15. Gerhard Hanloser, Kritik des Kapitals, o.O. 2006, S. 31
  • 16. Birkner/Foltin, (Post-)Operaismus, S. 144.
  • 17. Marx, Elend der Philosophie, MEW 4, S. 181.
  • 18. Vgl. MEW 19, S. 230-237. Die 25.000 verteilten Exemplare des Fragebogens stießen wohl nur auf geringes Interesse bei den Arbeitern, Antworten blieben jedenfalls spärlich.
  • 19. Dario Lanzardo, Der Marxsche ‘Fragebogen für Arbeiter’, in: Pozzoli, S. 87 und 101.
  • 20. Panzieri, Sozialistischer Gebrauch des Arbeiterfragebogens, S. 108, 109.
  • 21. Zitiert nacht Wolfgang Rieland, Organisation und Autonomie. Die Erneuerung der italienischen Arbeiterbewegung, Frankfurt/M. 1977, S. 129.
  • 22. Bodo Schulze, Autonomia: Vom Neoleninismus zur Lebensphilosophie, in: Archiv für die Geschichte des Widerstands und der Arbeit Nr. 10/1989, S. 108, 109.
  • 23. Romano Alquati, Organische Zusammensetzung des Kapitals und Arbeitskraft bei Olivetti, in: TheKla Nr. 5, Karlsruhe 1983 , S. 41, 75.
  • 24. Panzieri, Über die kapitalistische Anwendung..., S. 30.
  • 25. Ebd., S. 26.
  • 26. Lanzardo, a. a. O., S. 103.
  • 27. Mario Tronti, Lenin in England (1964), in: Primo Moroni, Nanni Balestrini, Die goldene Horde, Berlin/Hamburg 1994, S. 93.
  • 28. Potere Operaio, Was ist Arbeitermacht?, Berlin 1972, S. 7.
  • 29. Vgl. insbesondere Sergio Bologna/ Massimo Cacciari, Zusammensetzung der Arbeiterklasse und Organisationsfrage, Berlin 1973. Die These, Fach- und Massenarbeiter könnten bestimmte politische Verhaltensweisen zugeordnet werden, demontiert Erhard Lucas für Deutschland 1918/19 in Zwei Formen von Radikalismus in der deutschen Arbeiterbewegung, Frankfurt/M. 1976.
  • 30. Tronti, zit. nach Wright, S. 120.
  • 31. Paul Mattick, Rezension von K.H. Roth / Elisabeth Behrens ‚Die andere Arbeiterbewegung’, in: Jahrbuch Arbeiterbewegung Nr. 3, Frankfurt/M. 1973, S. 343.
  • 32. Situationistische Internationale, Die wirkliche Spaltung in der Internationalen, Wien 1997, S. 34.
  • 33. Roberto Battaggia, Massenarbeiter und gesellschaftlicher Arbeiter - einige Bemerkungen über die „neue Klassenzusammensetzung“, in: Primo Maggio Nr. 14/1980, dt. in: Wildcat-Zirkular 36-37/1997, S. 122.
  • 34. Ebd. S. 116.
  • 35. Wildcat, Operaismus: Vom Schimpfwort zum Hype zum toten Hund?, in: Wildcat 70/2005, S. 7-8.
  • 36. Kolinko, Klassenzusammensetzung, www.nadir.org/nadir/initiativ/kolinko/deut/d_klazu.htm
  • 37. Kolinko, Klassenzusammensetzung.
  • 38. Beverly Silver, Forces of Labor. Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870, Berlin/Hamburg 2005.
  • 39. Christian Frings, Das Herz der Bestie – ein unbekanntes Wesen. ArbeiterInnenmacht und die Zukunft des Operaismus, analyse & kritik 500/2005.
  • 40. Wildcat & Friends, Warum wir Forces of Labor übersetzt haben, in: Silver, S. 7.
  • 41. „Insgesamt dürfte sich die das 20. Jahrhundert bestimmende Tendenz zunehmender Produktionsmacht im 21. Jahrhundert zumindest teilweise umgekehrt haben – allerdings bei weitem nicht derartig negativ, wie weithin angenommen wird.“ Silver, S. 215.
  • 42. Frings, Das Herz der Bestie, a.a.o.
  • 43. Wildcat 73/2005, S. 9.
  • 44. Ebd.
  • 45. Ebd.
  • 46. Ebd.
  • 47. So ein Mensch von GoG auf einer Veranstaltung in Berlin, die einige Wochen nach dem Streik stattfand.
  • 48. Wildcat 72/2005, S. 18.
  • 49. Potere Operaio, Was ist Arbeitermacht?, S. 17.
  • 50. Robert Schlosser, Begrenzte Möglichkeiten, abgedruckt in der Betriebszeitung der GoG Frühjahr 2005, Langfassung in Willi Hajek/Jochen Gester, Sechs Tage der Selbstermächtigung. Der Streik bei Opel Bochum im Oktober 2004, Berlin 2005.
  • 51. Wright, Den Himmel stürmen, S. 240.
  • 52. Vgl. Kolinko, Hotlines. Call Center, Untersuchung, Kommunismus, 2002.